KIRCHENBOOM IN RUMÄNIEN
Orthodoxe Kirchen schießen wie Pilze aus dem Boden / Synagogen verfallen(n-ost) – Zu Ostern ist voll, was sonst meist leer steht: die Kirchen Deutschlands. Während hierzulande über Schließungen und alternative Nutzungen der Gotteshäuser nachgedacht wird, sieht das Bild in Rumänien komplett anders aus. Wohl in keinem anderen europäischen Land boomt der Kirchenbau derart.Besonders in der ehemals jüdisch-ungarisch geprägten Stadt Oradea (ungarisch: Nagyvarad, deutsch: Großwardein) im Westen des Landes ist dies zu beobachten. Allein in den vergangenen fünf Jahren sind in der 220.000 Einwohner zählenden Bezirkshauptstadt zehn orthodoxe Kirchen entstanden. Nach und nach dominieren sie das Stadtbild, das um 1900 noch mehr als 60 aktiv benutzte Synagogen geprägt hatten.
Eine orthodoxe Kirche in der nordrumänischen Stadt Oradea kurz vor der Fertigstellung
Melanie FröhlichDass so viele orthodoxe Kirchen gebaut werden, hat verschiedene Gründe. Zu kommunistischen Zeiten war der orthodoxe Glaube in Rumänien zwar nicht so streng verboten wie in anderen Ländern, doch für den Bau von Kirchen gab es kein Geld. Der orthodoxe Glaube der Rumänen hat den Kommunismus unbeschadet überdauert. Ihre Gläubigkeit zeigt sich in allerdings für westliche Augen merkwürdigen Formen. So sind Taxis meist mit Heiligenbildern ausgestattet, die neben dem Duftbäumchen am Spiegel baumeln. Und wenn der Taxifahrer eine Kirche erblickt, beginnt er sich zu bekreuzigen. Am wichtigsten wird die Kirche jedoch für die Hochzeit. Im Frühling erkennt man die Samstage mühelos ohne Blick in den Kalender – am unaufhörlichen Autohupen der Festkolonnen.Wie für den Bau des Petersdoms in Rom wird in Rumänien für den Kirchen- und Klosterbau gesammelt. In der Fußgängerzone sitzt tagtäglich von morgens bis abends ein orthodoxer Priester und nimmt Spendengelder entgegen. Anders als bei Katholiken und Protestanten ist das soziale Engagement in der orthodoxen Kirche nur sehr schwach ausgeprägt. So gibt es landesweit nur knapp 300 Einrichtungen wie Alters- und Kinderheime der orthodoxen Kirche. Auf 70.000 orthodoxe Gläubige im Land kommt also nur eine derartige Einrichtung.
Sammeln für den Kirchenbau.
Melanie FröhlichWährend die orthodoxen Kirchen wie Pilze aus dem Boden sprießen, verfallen die Synagogen der Stadt Oradea. Von den drei größeren, die der Stadt geblieben sind, wird eine derzeit als Obst- und Gemüselager genutzt, eine andere diente lange Zeit als Unterkunft für Obdachlose. Dies zeigt deutlich, dass das kulturelle Erbe anderer Religionen in Rumänien kaum gepflegt wird. ENDENachdruck und Weiterverwertung dieses Artikels sind kostenpflichtig. Informationen im n-ost-Büro unter (030) 30 83 11 87