Lebenserwartung wie in der Dritten Welt
Russische Männer sterben im Durchschnitt mit 59 Jahren / Schrumpfende Bevölkerung trotz WirtschaftsboomDie Freude war groß. Am Abend des 26. Dezember kamen in Moskau zehn Babys zur Welt. Damit wurde in der russischen Hauptstadt eine Schallgrenze durchbrochen. Das erste Mal seit 1989 gab es in Moskau wieder ein Jahr mit mehr als 100.000 Neugeborenen. Alle zehn Mütter bekamen eine Auszeichnung. Auch landesweit haben sich die Zahlen verbessert. In den ersten zehn Monaten des vergangenen Jahres wurden 1,3 Millionen Babys geboren. Das war gegenüber dem Vorjahr ein Plus von acht Prozent. Dmitri Medwedew, designierter Nachfolger Wladimir Putins und als Vize-Premier verantwortlich für eine Reihe von Sozialprogrammen, sprach sogleich von "ermutigenden Statistiken". Fünf Millionen Menschen wenigerDass jetzt wieder mehr Kinder geboren werden, kann aber nach Einschätzung russischer Experten den rapiden Bevölkerungsrückgang nicht aufhalten. In Russland sterben weiterhin deutlich mehr Menschen als geboren werden. Die durchschnittliche Lebenserwartung russischer Männer liegt bei nur 58,9 Jahren und damit auf dem Niveau von Dritt-Welt-Ländern wie Bangladesh und Ghana. Zum Vergleich: Deutsche Männer werden im Schnitt 17 Jahre älter. Bei den russischen Frauen sieht es etwas besser aus. Sie haben eine Lebenserwartung von 72,4 Jahren (Deutschland: 82). Eine deutliche Änderung dieser Entwicklung ist bisher nicht abzusehen. Seit 1989 ist die Einwohnerzahl der Russischen Föderation um fünf Millionen Menschen auf 142 Millionen gesunken. Bis 2030 wird sie weiter auf 135 Millionen sinken, meint der Direktor für makroökonomische Prognosen des Ministeriums für wirtschaftliche Entwicklung, Andrej Klepatsch. Die negative Bevölkerungsentwicklung ist eines der größten Hemmnisse für Präsident Putins ehrgeizige Wirtschaftspläne. Die Zahlen passen auch schlecht zu einem Land, dass sich als Führungsmacht und stolzes Mitglied der G8 brüstet. Russland verdient als weltweit größter Gasexporteur und zweitgrößter Waffenexporteur nicht schlecht. Doch das Leben der Russen verbessert sich nur in Trippelschritten, in manchen Bereichen ändert sich überhaupt nichts. So ist die Wodka-Flasche immer noch ein beliebter Problemlöser.
Die Sterblichkeit der Bevölkerung ab dem 30. Lebensjahr liegt "praktisch auf vorrevolutionärem Niveau", heißt es in einer Analyse, die auf der Website der russischen Statistikbehörde einsehbar ist. Gemeint ist die Oktoberrevolution von 1917, also vor über 90 Jahren. Hauptgrund der hohen Sterblichkeit der Männer im erwerbsfähigen Alter ist vor allem der hohe Alkoholkonsum. Unterbrochen wird der seit Ende der 50er Jahre anhaltende Negativtrend bei den Männern nur durch drei kurze Zeit-Fenster, die mit politischen Tauwetter-Phasen zusammenfallen (1959-1965, 1985-87 und 1994-98). In diesen Jahren war die Hoffnung auf ein besseres Leben stärker und der Drang zur Wodka-Flasche offenbar weniger ausgeprägt. Höchste Selbstmordraten in SibirienDass es einen Zusammenhang zwischen Hoffnung, Lebenswillen und den politischen Verhältnissen gibt, zeigt auch die Selbstmordstatistik. "1965 - in der Tauwetter-Periode unter Chruschtschow - war die Selbstmordrate nicht sehr hoch und entsprach den europäischen Werten", so die Gesundheits-Experten Jakow Gilinskij und Galina Rumjanzewa in einer Analyse. 1984, auf dem Höhepunkt der "Sastoja" (Stagnation), erreichte die Selbstmordrate mit 38.700 Fällen einen Höhepunkt. Nachdem Gorbatschow 1985 Glasnost und Reformen verkündet hatte, schöpften die Menschen Hoffnung. 1986 wurden nur 21.100 Suizid-Fälle registriert. 1994, auf dem Höhepunkt von Jelzins chaotischer Wirtschaftspolitik, wies die Suizid-Statistik hingegen einen Rekord-Wert von 41.700 Fällen aus.
Heute ist diese Tendenz rückläufig. Im letzten Jahr wurden 30.000 Selbstmorde gezählt. Ein Suizid kann viele Gründe haben. Aber es ist es ein Zufall, dass es die höchsten Selbstmord-Raten in den abgelegenen Gebieten Sibiriens gibt, dort wo die Fabriken still stehen und im Winter die Heizungen einfrieren?Russland noch hinter BelarusAngesichts dieser Daten ist es kein Wunder, dass Russland im internationalen Vergleich schlecht abschneidet. Im letzten UN-Bericht über die menschliche Entwicklung ("Human Development Report") rangiert Russland auf Platz 67. Erfasst wurden 175 Länder. Gemessen wurden die Lebenserwartung, der Zugang zu Bildung und der Lebensstandard. Dabei wird Russland heute von zahlreichen ehemaligen Bruderstaaten überrundet. Polen liegt auf Platz 37, die baltischen Republiken belegen die Plätze 43, 44 und 45, Kuba liegt auf Platz 51 und das von Moskau belächelte Weißrussland auf Platz 64. Rauchen, Trinken, AbtreibenSchuld an der hohen Sterblichkeit in Russland ist nicht nur der russische Staat, der nicht in der Lage ist, seinen Bürgern einen minimalen sozialen Schutz zu gewähren. Ohne Schmiergeld wird heute in einem russischen Krankenhaus kaum jemand behandelt. Die Renten liegen im Schnitt immer noch bei 100 Euro, als ob es keine Öl-Einnahmen gäbe. Die Verbraucher-Preise sind dagegen in weiten Bereichen auf europäischem Niveau. Schuld an der geringen Lebenserwartung ist aber auch der Lebensstil. Die Russen achten zu wenig auf ihre Gesundheit und ihr Leben. Man fährt riskant, trinkt, raucht und treibt ab. Nur in der großstädtischen Mittelschicht setzen sich langsam neue Werte durch. Man trinkt Wein, liest die Gesundheits-Tipps in Frauenzeitschriften und besucht Fitness-Zentren. Doch Öko-Läden kann man in Moskau an einer Hand abzählen. Das bleibt ein Luxus, den sich nur die reiche Oberschicht gönnen kann.ENDENachdruck und Weiterverwertung dieses Artikels sind kostenpflichtig. Informationen im n-ost-Büro unter (030) 30 83 11 87