Kafkas Welt in Rumänien
Warten und Stempel sammeln: Vom Erwerb eines EU-Führerscheins Seinen neu errungenen Wohlstand drückt der Rumäne am liebsten durch ein Automobil aus. Besonders beliebt: Gebrauchtwagen aus Deutschland oder Österreich, aber auch die landeseigene Marke Dacia. Das Führerscheinmachen liegt im Trend, Fahrschulen boomen. Auch Tudor, Student im Westen Rumäniens, hat beschlossen, noch zu Studentenkonditionen seine Fahrerlaubnis zu erwerben. Schon in den Semesterferien begann das Unternehmen Führerschein. Doch erst kommt die Bürokratie und dann – „Schauen wir mal!“, wie der Rumäne sagt.Die Gegensätze sind in Rumänien, wo der Pferdewagen noch friedlich neben dem neuesten Porsche-Modell fährt, größer als in jedem anderen EU-Land. Das spürt auch der Fahranfänger, dessen Schule sich als moderner Dienstleister im Internetzeitalter präsentiert, mit Online-Fragebögen zur Theorie, die automatisch korrigiert werden. Andererseits ist das Wort Service gänzlich unbekannt, auf Rumänisch bedeutet „serviciu“ einfach Arbeit. Es herrschen weiterhin die Bürokraten des Kommunismus und das bedeutet: Stempel sammeln. Sieben Ärzte müssen zunächst über Tudors Fahrtüchtigkeit entscheiden. Für die Verkehrssicherheit wäre das zweifelsohne nicht schlecht. Doch diese Ärzte untersuchen nicht wirklich, sie unterschreiben nur. Dafür werden sie schließlich bezahlt. Eine Art Arbeitsbeschaffungsmaßnahme und Beschäftigungstherapie – oder eben eine rumänische Form des Ausdauersports. Dabei lernt der Fahrschüler vor allem eines: warten. Auch Tudor reiht sich tapfer in die Schlangen ein. „18 Jahre ist die Wende her und es hat sich nichts geändert“, schimpft er. Stempel für Stempel sammelt er, bevor er zum Augenarzt kommt. Rot auf Grün – der Student kann die Zahl nur schwer erkennen. So eine Sehschwäche ist eigentlich nicht weiter schlimm, nur fällt er in Rumänien damit als Führerscheinanwärter aus. Also greift Tudor zum Handy. War da nicht ein Freund, der vor fünf Jahren trotzdem die Fahrerlaubnis gemacht hat? Damals war Bestechungsgeld im Spiel – aber ob das heute noch funktioniert? Wieder Schlange stehen. Und mit Kafkas Helden kann sich Tudor fragen: Wird mir die Tür geöffnet, erhalte ich meinen letzten Stempel? Die Ärztin schreit ihn an: „Streng Dich an, Du musst die Zahl doch lesen können!“ Tudor bemüht sich, kneift die Augen zusammen, keiner will ihm helfen. Also versucht er zu raten: „72“. Falsch. „73“ – auch falsch. Bei „78“ endet die groteske Konsultation. Ein großes „Nein!“ machte den Traum vom Führerschein auf dem grauen Sammelbogen zunichte. Aber dann kommt unerwartet doch noch Tippex zum Einsatz, werden der begehrte Stempel und die Unterschrift aufs Formular gesetzt. Der Student verbeugt sich mehrmals pflichtschuldig. Das Bestechungsgeld in seiner Hand ist ganz feucht geworden, er hat es nicht gebraucht. Die Unsicherheit bleibt: Werden andere Behörden die Tippex-Korrektur anerkennen? Die Pforten der Fahrschule öffnen sich. Jeden Abend versammeln sich hier 50 Schüler und lassen sich die auswendig gelernten Vorträge ihres Fahrlehrers diktieren. Das Verfahren ist sehr effizient, nach nur einer Woche soll die erste Theorieprüfung erfolgen. Wer die besteht, darf ans Steuer. Tudor hört von vielen, oft missachteten Verkehrszeichen, von nicht-beachteten Vorfahrtsregeln und von Autobahnen, die es landesweit kaum gibt. Er erfährt, dass Spazierengehen auf der Autobahn verboten ist, ebenso wie Knutschen oder freilaufende Tiere. Er nimmt das zur Kenntnis, wenn er auch weiß, dass die rumänische Realität anders aussieht. Endlich darf der Student selbst hinters Steuer. Aber von Fahrspaß kann keine Rede sein. Kaum die Pedale des Autos im Griff, muss er auf Autofahrer von links, von rechts, quasi von überall achten. Die Straßenführung ist nicht immer logisch mit ihren Einbahnstraßen und Kreisverkehren, doppeldeutigen Verkehrsschildern und Polizisten. Zudem zu beachten: Schlaglöcher und Taxifahrer, die nach vollkommen losgelösten Gesetzen unterwegs sind und schnell die Geduld mit dem Fahrschüler verlieren. Wenn es dem Lehrer zu bunt wird, nimmt der schon mal die Verfolgungsjagd auf und drückt aufs Gaspedal, schiebt sich vor das Auto des Verkehrsünders und bremst es aus. Schlagabtausch auf offener Straße. Doch es gibt auch andere Fahrstunden, die – quasi zur Zwangserholung – überwiegend im Café verbracht werden. Freunde des Fahrlehrers müssen durch die Stadt kutschiert und vor allem muss auf sie gewartet werden. Tudor ist verärgert, aus Deutschland, wo er zwei Jahre vor seinem Studium gelebt und gearbeitet hat, ist er anderes gewohnt. Beschweren will er sich dennoch nicht, schließlich darf er es sich mit seinem Fahrlehrer nicht verscherzen. Der hat Kontakte zur Polizei, und die nimmt die Prüfung ab. Da ist ein aufmüpfiger Student schnell gemeldet, und fällt dann womöglich durch, obwohl er gar nicht schlecht fährt. Hinter den kapitalistischen Fassaden verstecken sich in Rumänien noch immer alte Strukturen, die schwer zu durchbrechen sind. Dabei ist die Unberechenbarkeit wohl das unerträglichste Übel des Landes, zumindest für Außenstehende mit weniger guten Kontakten. In seiner Mappe hat Tudor inzwischen viel Papier zusammengetragen: die magischen Unterschriften der sieben Ärzte, die Bestätigung seiner Fahrstunden und etliches mehr. Damit muss er in seinen Heimatort, die Bezirkshauptstadt, fahren, wo seine Papiere bearbeitet werden. Die Öffnungszeiten des Amtes verpasst er um knappe fünf Minuten und bekommt nur noch ein kaltes „Geschlossen!“ zu hören. Der Student bittet um Verständnis, er lebe nicht mehr in der Stadt, habe früher nicht kommen können. Erneut ein „Nein!“. Was tun? „Ich warte“, sagt Tudor, vielleicht finden Sie drei Minuten für mich.“ Und er wird belohnt. „Aber nur, weil Sie so schön sind“, sagt die Frau am Eingang. Sie bearbeitet seine Papiere, dann hat er seine Prüfungstermine. Die Theorieprüfung hat es in sich, nur 30 Prozent der Fahrschüler bestehen sie in der Regel. Für jedes weitere Examen müssen sie bezahlen. Um seinen genauen Prüfungstermin zu erfahren, muss der Prüfling in ein verlassenes Industriegebiet am Stadtrand fahren. Sonntagabend wird hier eine Liste ausgehängt, auf ihr rund 200 Namen. Es ist dunkel und kalt. Immer wieder kommen junge Menschen, um ihre Namen zu suchen. Zittern. Haben sie mich auch nicht vergessen? Tudor bekommt einen Termin, legt seine Prüfung ab – und muss dann wieder: warten. Zuerst auf das Ergebnis (bestanden, aber knapp), dann auf den Bus zurück nach Hause, später darauf, dass der Fahrlehrer Zeit für ein paar weitere Praxisstunden hat. Kurz vor der Prüfung will er noch einmal das Auto testen. Doch sein Lehrer bricht plötzlich alle Verabredungen, was gestern noch gar kein Problem war, ist einen Tag vor der Prüfung nicht mehr wahr. „Wenn ich morgen durchfalle, habe ich erst in einem Monat wieder die Chance“, sagt Tudor niedergeschlagen. Entschlossen greift er ein letztes Mal zum Telefon – und erhält nach langem Bitten und Betteln, doch noch den Termin für eine Fahrstunde: um 22.00 Uhr. Der Fahrlehrer kommt mit einer Freundin aus der Kneipe. Alkohol im Dienst? Na ja, Dienst ist ja nicht mehr. Alkohol schon. Die Freundin muss nach Hause gefahren werden, das kann jetzt der Fahrschüler übernehmen, nachdem er eine halbe Stunde allein im Dunkeln Parken geübt hat. Bei dichtem Nebel fährt Tudor Frau nach Hause und erwartet bang seine Prüfung.Knappe drei Monate nach der Anmeldung ist der große Tag gekommen. 200 Fahrschüler aus dem gesamten Bezirk versammeln sich auf einem großen Platz. Zitternd stehen sie in der Kälte. Sechs Polizisten erscheinen und lesen die Autokennzeichen der Fahrlehrer vor. Getuschel wird laut: „Kennst du die Nummer von unserem Fahrlehrer?“ „Geh du nach vorn, du bist größer!“ Das Chaos scheint perfekt und dennoch bewegt sich die Masse langsam. Wie durch ein Wunder bilden sich kleine Grüppchen um die Polizisten, genaue Termine werden bestimmt. Die Prüfung, vor der Tudor sich so gefürchtet hat, endet nach einem fünfminütigen Kurztrip überraschend in einer Parklücke. Bestanden! „Nach all diesen Strapazen war das verdient“, denkt sich Tudor. Doch das ist es noch längst nicht gewesen. Während eine Prüfungsfahrt in Deutschland gewöhnlich mit der Ausstellung des Führerscheins endet, sind in Rumänien erneut bürokratische Wartegänge erforderlich. Nach einer weiteren Woche reiht sich Tudor also nochmals in die langen Warteschlangen einreihen, um sich sprichwörtlich fünf Minuten vor zwölf fotografieren zu lassen. Das Licht blitzt auf – und ein letztes Mal hört Tudor: „Das geht nicht.“ Seine Brillengläser reflektieren. Doch die Lösung liegt schon in der Schublade: eine Einheitsbrille ohne Brillengläser. Sie wird ihm auf die Nase gesetzt. Das Ergebnis: grotesk. Hat hier Kafka seine Hände im Spiel? Langsam erscheinen die Worte des ungarischen Nobelpreisträgers Imre Kertész plausibel, der Kafka schlicht und einfach als einen „sehr guten Kenner der osteuropäischen Welt“ einstufte. Wer die kafkesken Momente nicht nur in der Literatur, sondern im Leben sucht, der sei herzlich Willkommen in Rumänien. Nur den Führerschein sollte man am besten schon aus der Heimat mitbringen. ENDENachdruck und Weiterverwertung dieses Artikels sind kostenpflichtig. Informationen im n-ost-Büro unter (030) 30 83 11 87