Russland

Streikbrecher und Schneemädchen

Sittenwächter sorgen sich wegen der Invasion des amerikanischen Weihnachtsmanns Ganz Moskau steht voller bunter Weihnachtsbäume, aber der 24. Dezember ist in Russland ein ganz gewöhnlicher Arbeitstag. Die große Feier steigt bei den Russen erst zu Silvester. Man feiert im Kreis der Familie und unter der geschmückten Neujahrstanne („Jolka“) liegen die Geschenke. Weihnachten feiert die russisch-orthodoxe Kirche– nach dem vorrevolutionären, julianischen Kalender – am 7. Januar und dann in der Nacht vom 13. auf den 14. Januar das „Alte Neue Jahr“.  Zu den traditionellen Silvester-Gerichten gehören Teigtaschen (Piroggen) mit Kohl oder Fleisch, „Salat Olivier“ aus Hühnerfleisch und saurer Sahne, Sülzfleisch und Ente. Der Tisch muss dabei vor Speisen überquellen. Reichlich von allem, so soll es das ganze neue Jahr über sein. Im Hintergrund zeigt die Mattscheibe die „Ironie des Schicksals“. Aber keiner guckt hin, denn die Komödie läuft schon seit 1975. In dem Kultfilm verirrt sich der schwer trunkene Schenja nach einem Silvester-Saufgelage nach Leningrad. Dort verliebt er sich in Nadja, doch die ist frisch verlobt. Wenige Minuten vor Null Uhr hält dann der Präsident seine offizielle Ansprache im Fernsehen. Um Mitternacht läuten die Kreml-Glocken und man stößt an mit dem Gruß „S novym godom“ („Frohes neues Jahr!“).
Russische Schneemädchen beim Reklame-Einsatz
Ulrich Heyden

Neuerdings arbeiten in Moskau Agenturen, in denen man Väterchen Frost („Djed Moros“), den russischen Weihnachtsmann, mit seiner Enkelin „Snegurotschka“ („Schneemädchen“) ausleihen kann, für Firmenfeste oder für Feiern zuhause. Es gibt auch Snegurotschkas, die einen Striptease hinlegen, natürlich nur für Erwachsene. Eine halbe Stunde nackte Haut kostet 2.500 (70 Euro). Selbsternannte Patrioten mäkeln über diese Neuheiten. Der echte, russische „Djed Moros“ habe einen langen blauen Mantel, doch der sei nirgendwo mehr zu sehen. Stattdessen würden die Feiern von Santa Claus aus Amerika beherrscht, mit „kurzer Jacke, Clowns-Mütze und listigem Grinsen“. So ereifert sich das Massenblatt „Komsomolskaja Prawda“ – doch den Kindern ist egal, wer ihnen die Geschenke bringt.Nach durchzechter Neujahrsnacht verschwindet ganz Russland schließlich für zehn Tage in den Ferien. Selbst das offizielle Russland macht Urlaub. Bis zum 10. Januar erscheinen keine Zeitungen. Für die Kinder gibt es Neujahrsfeiern mit Märchen-Aufführungen. Gutverdienende Großstädter fahren zum Skifahren nach Österreich oder machen Schnorchel-Urlaub am Roten Meer.Die ganze Feierei kostet natürlich Geld. So mancher Familienvater kommt da in Bedrängnis. Deshalb mussten die Ford-Arbeiter in St. Petersburg in diesen Tagen ihren dreiwöchigen Streik abbrechen. Auch sie brauchen Geld für das „Fest der Feste“.  ENDE


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