Polen

Vogelgrippe bringt Züchter zur Verzweiflung

Mehr als 500.000 Tiere eingeschläfertJacek M. aus dem nördlichen Masowien tut so, als wäre es ein ganz normaler Tag: Er steht früh auf, schaut sich seine Tiere an, füttert und tränkt sie. Alles läuft einfach so weiter wie vor dem 9. Dezember. Doch einfach ist das Leben auf seinem Bauernhof nicht mehr - geschweige denn normal. "Wie soll das gehen, wenn man in einer ‚bedrohten Zone' lebt?", fragt er. Jacek M. führt einen kleinen Bauernhof am Waldrand. Ruhig war es hier immer, genau richtig für die 50 Hühner, die bei ihm frei herumlaufen konnten. Eier aus solcher Zucht wissen die Kunden zu schätzen. "Wenn ich meine Eier zum Wochenmarkt nach Warschau bringe, sind sie in einer Stunde weg, obwohl sie teurer sind als die von anderen Farmen",  erzählt der Bauer mit Stolz, "ich habe seit Jahren meine Stammkunden". Vor allem lebt Jacek M. aber von Gemüse, von Kartoffeln, Brokkoli und Zwiebeln, die er selbst anbaut und verkauft. Doch seit dem 9. Dezember ist auch damit auch Schluss.Am 9. Dezember eilte Marek Sawicki, der neue polnische Landschaftsminister, zu einer Sonderpressekonferenz in Warschau. Ein heikles Thema wartete auf ihn, denn eine Woche vorher waren auf zwei Hühnerfarmen nordwestlich der polnischen Hauptstadt Fälle von Vogelgrippe festgestellt worden. Die Tiere wurden umgehend eingeschläfert, den Züchtern Entschädigung versprochen. In ganz Polen wurden Sicherheitsmaßnahmen eingeführt. Zuchtvögel müssen nun überall eingesperrt werden, um Kontakt mit Wildvögeln zu vermeiden, die den Erreger möglicherweise in sich tragen. Gerade wollte Landwirtschaftsminister Sawicki bekannt geben, die Regierung habe alles unter Kontrolle, da steckte ihm ein Beamter die Nachricht vom nächsten Fall von Vogelgrippe zu.
 
Zuerst wurden die Erreger auf vier Farmen im Kreis Zuromin in Masowien, einer großen Woiwodschaft rund um Warschau, nachgewiesen: in Hühnern und Truthähnen, die sowohl für den direkten Verzehr als auch für die Eierproduktion bestimmt waren. Später fanden Tierärzte den Erreger auch bei einem Storch in den Masuren. Die Behörden richteten rund um die betroffenen Farmen Sonderzonen ein. Mitten in einer solchen Zone liegt der Hof von Jacek M. Ganze Gegenden mit einem Durchmesser von 10 Kilometern um die Farmen wurden gesperrt. Nur die Bewohner dürfen hinein und heraus, der Transport von Tieren und tierischen Erzeugnissen ist verboten. Auf allen Zufahrtsstraßen stehen Polizisten, Autos müssen über riesige Matten mit Desinfektionsmittel fahren. Auch die Hühnerställe, in denen bislang keine Erkrankungsfälle aufgetreten sind, stehen unter strenger Kontrolle der Tierärzte. "Wir haben auch solche Matten bekommen", bestätigt Bauer Jacek M. "Man muss duschen, bevor man den Hühnerstall betritt und wenn man wieder herauskommt, rein darf man sowieso nur in Schutzkleidung" erzählt er. Auch Futter und Wasser für seine Vögel muss er nun in einem geschlossenen Container aufbewahren. "Wie kann man das ein normales Leben nennen?", fragt der Bauer am Telefon - selbst Journalisten gelangen kaum zu ihm in die Sonderzone. Willkommen sind die bei den Landwirten ohnehin nicht mehr. Die Züchter werfen den Medien vor, die aktuelle Lage zu überspitzen und so Panik in der Bevölkerung zu erzeugen. Es sind nicht Jacek M.s Hühner, die infiziert sind, sondern die Vögel auf der sieben Kilometer entfernten Großfarm. Der dritte Grippefall war das von insgesamt vieren in Masowien. Doch die Sicherheitszone erstreckt sich nun auch über seinen Hof, deshalb kann der Bauer nichts mehr verkaufen. Seinen Namen nennt er nicht, nicht einmal der deutschen Presse. "Was, wenn mir die Kunden später nie mehr glauben, dass meine Hühner gesund sind?", fragt er. Mit seiner Angst ist Jacek M. nicht allein. Angaben der Züchtervereine zufolge liegen innerhalb der Sonderzone in Masowien neben den vier infizierten Höfen etwa 180 kleinere und größere Geflügelfarmen, auf denen kein Fall von Vogelgrippe aufgetreten ist. Auch die Bauernhöfe in der Umgebung der Sperrzonen leiden unter der Situation. Die Kunden haben Angst, obwohl Tier- und Humanmediziner immer wieder erklären, der Virus sei nur für Vögel gefährlich. "Wem trotzdem unwohl ist, sollte einfach auf den Verzehr der rohen Produkte verzichten", sagt Janusz Zwiazek, der stellvertretende Amtstierarzt Polens. "Aber grundsätzlich sind selbst infizierte Eier oder Fleisch nicht mehr gefährlich, wenn sie auf 70 Grad erhitzt wurden." Doch seine Beteuerungen ändern wenig am Misstrauen der Bevölkerung.  Joanna Forycka, Besitzerin eines kleinen Lebensmittelladens in Warschau, bekommt das zu spüren. Sie verkauft Eier. "Es gehen zwar fast genauso viele weg wie vorher", sagt Forycka, "aber wir bekommen sie von anderen Züchtern. Die Leute fragen ständig, ob die Eier nicht aus Zuromin stammen. Früher haben wir nur Eier aus diesem Gebiet verkauft, jetzt geht das nicht mehr. Wir mussten uns neue Lieferanten suchen." Polens Landswirtschaftsminister Marek Sawicki betont zwar immer wieder, von der Vogelgrippe gehe keine Gefahr für den Menschen aus. Für die polnische Wirtschaft sei sie allerdings eine echte Katastrophe. "Ganz so ist es nun auch nicht", findet hingegen Leszek Kawski, der Vorsitzende des polnischen Rates der Geflügelzüchter, in dem sich Züchter und Verarbeitungsindustrie zusammengeschlossen haben. "Natürlich ist das eine schwierige Zeit für die Industrie", sagt er. Von einer Katastrophe könne aber keine Rede sein. "Zurzeit sind nur sechs Farmen und circa 500.000 Vögel betroffen", sagt Kawski. Viel sei das nicht im Vergleich zu den 550 Millionen Vögeln, die in Polen jedes Jahr für den Markt geschlachtet werden. "Wenn mehr als ein Dutzend Höfe betroffen und die auch noch über mehrere Woiwodschaften gestreut wären, dann wäre die Lage dramatisch", so Kawski. Und das Zentrum der Geflügelindustrie, wie in den Medien immer wieder behauptet werde, sei Masowien auch nicht. "In Westpommern, Niederschlesien und der Gegend um Lublin gibt es genauso viele Züchter."
 
Die Gefahr sieht Geflügelzüchter Kawski an anderer Stelle, nämlich bei den Großhändlern und Supermarktketten, die Bauern immer weniger Geld böten. Angeblich wegen des fallenden Konsums verängstigter Kunden. "Dabei können weder wir noch die Verbrauchervereine einen Rückgang der Verkaufszahlen erkennen", sagt Kawski.  Kein Wunder also, dass die Stimmung unter den Züchtern gedrückt ist. "Nach der Vogelgrippe in Europa vor zwei Jahren fielen die Preise so stark, dass Geflügelzucht nahezu unrentabel wurde. Und das, obwohl Polen damals von der Grippe verschont blieb", erinnert sich Kawski. Nur sehr langsam seien die Preise seither wieder gestiegen. Und jetzt ist wieder alles zerstört. Die Bauern in Masowien verkaufen nichts mehr, selbst wenn ihr eigenes Geflügel nicht infiziert ist, oder sie müssen es sehr billig abgeben, weil die Händler sie unter Druck setzen. "Es klingt vielleicht zynisch", sagt Leszek Kawski, "doch die größten Verlierer sind nicht diejenigen Bauern, deren Tiere erkrankt sind. Die kriegen Geld vom Staat. Es sind die anderen, denen man ihr Geflügel jetzt auch nicht mehr abnimmt. Sie bekommen überhaupt keine Hilfe."Fast 500.000 Euro Entschädigung hat die polnische Regierung den Züchtern versprochen, deren Vögel eingeschläfert werden mussten. Experten rechnen jedoch damit, dass diese Summe noch erheblich wächst. Denn erst in etwa sechs Wochen ist klar, ob die Vogelgrippe in Polen endgültig bekämpft ist. Russland, China und Hongkong haben polnisches Geflügel bereits mit einem Embargo belegt. Für ein Land wie Polen, das jedes Jahr mehr als eine Million Tonnen Geflügel exportiert, bedeutet das riesige Verluste.Vierzig Prozent der polnischen Exportvögel gehen nach Deutschland, vor allem Hühner. Dazu gehören aber auch 18.000 Gänse, die jährlich zu Weihnachten deutsche Festtafeln schmücken. Um diesen Genuss müssen die Deutschen übrigens nicht fürchten. Die Weihnachtsgänse waren längst geschlachtet und eingefroren, als die Vogelgrippe in Polen ausbrach. ENDE


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