Ukraine

Keine Jubelstimmung in Kiew

Wenn Sängerin Shakira im Kiewer Olympiastadion eintrifft, werden die letzten Bagger schon verschwunden sein. Vier Jahre wurde an dem Stadion gebaut, in dem nächstes Jahr das Endspiel der Europameisterschaft angepfiffen wird. Bei der Eröffnungsfeier am Samstag soll Shakira die Ukrainer in Jubelstimmung versetzen.

Doch von Begeisterung ist in Kiew nichts zu spüren. Berichte über Vetternwirtschaft, unfairen Wettbewerb und hoher Verschuldung überschatten die Vorbereitungen auf die Euro-2012. Die Zeitung Ukrainska Pravda berichtet, dass ukrainische Behörden Staatsaufträge zum Ausbau der Infrastruktur nur an handverlesene Unternehmen vergeben würden. Oft seien an diesen Firmen Regierungspolitiker und Mitglieder des ukrainischen Euro-Organisationskomitees beteiligt. Ausländische Unternehmen, die im Zusammenhang mit der Euro-2012 auf gute Geschäfte hoffen, gehen meist leer aus.

„Diese Vergabepraxis wird ermöglicht durch einen Regierungsbeschluss vom April 2010“, erklärt Ostap Semerak. Der Abgeordnete ist Mitglied der ukrainischen Haushaltskammer, einem Parlamentsausschuss zur Überprüfung von Staatsausgaben. Laut des Beschlusses darf die Ukraine Aufträge in Höhe von 9 Milliarden Dollar vergeben, um das Land für die EM fit zu machen. Ausschreibungen sind in diesem Verfahren jedoch nicht vorgesehen. „Das macht es leicht, Staatsgelder zu stehlen“, ergänzt Semerak. Boris Kolesnikov, Vizepremierminister und Cheforganisator der Euro-2012 in der Ukraine, verteidigt die Vergabepraxis. Die Vorgängerregierung unter Julia Timoschenko sei mit den Vorbereitungen im Rückstand gewesen, daher hätte die Regierung unter Präsident Viktor Janukowitsch schnell handeln müssen. „Wenn ich genug Zeit hätte, würde ich die schnellsten, besten und billigsten Firmen auswählen“, sagt Kolesnikov. „Doch jetzt stehen wir unter Zeitdruck.“

Doch ausgerechnet Boris Kolesnikov soll sich Aufträge zugeschoben haben, berichtet die Ukrainska Pravda. Der Cheforganisator soll an der Firma AK Engineering beteiligt sein. Das Unternehmen bekam als einziger Bieter einen Zehn-Millionen-Dollar-Auftrag zur Renovierung einer Sportfläche im Sportpalast Kiew. Der Vizepremier bestreitet hingegen, Miteigentümer der Firma zu sein. Auch an der Firma Altcom aus Donetsk sollen laut Ukrainska Pravda ukrainische Politiker beteiligt sein. Die Baufirma aus Donetsk hat bisher Staatsaufträge in Milliardenhöhe abgegriffen, unter anderem für den Bau von Straßen und Flughäfen. Die genaue Firmenstruktur ist unklar, sie reicht jedoch bis in den mittelamerikanischen Staat Belize.

Inzwischen sind die Kosten für Stadien, Straßen und Flughafenterminals in die Höhe geschossen. Die Renovierung des Kiewer Olympiastadions hat zwischen 550 und 600 Millionen Dollar gekostet. Das Stadion bietet Platz für 69.000 Zuschauer und besitzt eine ähnliche Kapazität wie die Münchener Allianz-Arena. Jedoch war das Münchener Stadion mit 438 Millionen Dollar Baukosten deutlich billiger.

Schon vor zwei Jahren sorgte das Gerangel um den Bauauftrag für das Stadion in Lemberg für einen Skandal. Ursprünglich sollte die österreichische Firma Alpine das Stadion für 100 Millionen Dollar errichten. Die Stadtverwaltung Lemberg wollte jedoch nicht mehr als 85 Millionen Euro zahlen. Daraufhin zogen sich die Österreicher zurück. Zurzeit betragen die Kosten für das Stadion mit 33.000 Sitzplätzen rund 300 Millionen Dollar. Für den Bau verantwortlich ist wiederum die Donetsker Firma Altcom.

„Letztendlich müssen die Steuerzahler für die Mehrausgaben gerade stehen“, sagt Andrej Novak, Mitglied im Komitee der Ökonomen der Ukraine. Die Kosten für die Europameisterschaft werden in der Ukraine auf rund 20 bis 25 Milliarden Dollar geschätzt. Knapp die Hälfte davon gehen zu Lasten der Staatskasse. Ursprünglich sollten 80 Prozent der Ausgaben von privaten Investoren kommen, doch die meisten sind abgesprungen. Andrej Novak spricht von einer „Investment-Pleite“. „Das ganze Euro-2012 Projekt ist ein Debakel“, fügt er hinzu.


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