Polen

Pro-europäisch, liberal und charismatisch

Donald Tusk ist Polens neuer Hoffnungsträger"Es ist der Ministerpräsident, der über die Wahl der Minister entscheidet. So steht es in der Verfassung und ich hoffe, Präsident Kaczynski wird dies akzeptieren." Noch vor Beginn seiner Amtszeit am Freitag musste sich Donald Tusk bereits gegen das polnische Staatsoberhaupt Lech Kaczynski behaupten. Ein Vorgang, der symptomatisch für die nächsten Jahre sein dürfte. Einen Kaczynski-Zwilling, Ex-Premier Jaroslaw, konnte Tusk durch seinen überraschend deutlichen Wahlsieg aus dem Amt drängen. Bruder Lech wird ihm noch mindestens drei Jahre als Staatspräsident ein harter Gegner sein. Als solcher versuchte Lech Kaczynski schon die Nominierung von Tusks Wunschkandidaten Radoslaw Sikorski zum neuen Außenminister zu verhindern - wegen angeblichen Verrats von Staatsgeheimnissen. Doch Tusk blieb stur. Ein weiterer Beweis für den erstaunlichen Imagewandel, den der 50-jährige Danziger in den vergangenen Wochen vollzogen hat. Als zauderndes Weichei ist er verspottet worden. Nun scheint er doch noch reif geworden zu sein, reif für den entschlossenen Griff nach der Macht.Seit über 20 Jahren ist der studierte Historiker Tusk mit Leib und Seele Politiker. Er engagierte sich in den 80er Jahren in der unabhängigen Gewerkschaft "Solidarnosc", gründete mehrere Parteien mit, war jahrelang in Warschau Sejm- und Senatsabgeordneter. Trotz dieser Biographie ist es kaum vorstellbar, dass Tusk nun ein Regierungsamt bekleidet. Nicht einmal auf lokaler Ebene war der Danziger vorher in Amt und Würden - und dann gleich der Posten des Ministerpräsidenten? Ein Sprung von Null auf Hundert sozusagen oder mitten hinein ins kalte Wasser von Warschau. Die meisten Polen stört dies indes wenig. Tusk hat nach der Wahl und während der Koalitionsverhandlungen an Überzeugungskraft gewonnen. Aktuellen Umfragen zufolge würden inzwischen über 50 Prozent der Wähler ihre Stimme für Tusk abgeben - rund zehn Prozent mehr als noch bei der Wahl vor drei Wochen. Aus der blassen Erscheinung mit dem Sprachfehler ist "einer von uns" geworden. Das ist es, was viele Polen empfinden. Erfolg macht eben doch sexy. "Ich bin an einem etwas besseren Ort aufgewachsen, nicht auf einem Hinterhof", stichelte noch vor kurzem Jaroslaw Kaczynski gegenüber Tusk. Dieser hatte im Wahlkampf seine Herkunft aus einfachen Danziger Verhältnissen betont. Kaczynski hielt dem seine Kindheit in einem gutbürgerlichen Stadtviertel Warschaus entgegen. So wie er auch die Geschichte seines Vaters als Kämpfer gegen die Deutschen während des Warschauer Aufstandes instrumentalisierte und gleichzeitig Tusk im Wahlkampf als Freund des deutschen Danzigs mit kaschubischen Wurzeln brandmarkte. Doch die Sprüche, die noch im ersten Wahlduell vor zwei Jahren gewirkt hatten, zündeten nun nicht mehr. Das Duell Danzig gegen Warschau ging diesmal zugunsten der alten polnisch-deutschen Hafenstadt aus.


Der neue polnische Ministerpräsident Donald Tusk
Jan Zappner

Donald Tusks Vater war gelernter Tischler, seine Mutter arbeitete als Krankenschwester. Beide seien, betont Tusk, einfache Danziger gewesen, genau wie er. Auch seine Großeltern und Urgroßeltern stammen aus der Hafenstadt. Der Großvater hatte einen seiner Söhne an eine deutsche Schule geschickt. Zuhause wurden Deutsch und Polnisch fließend gesprochen. "Sie waren einfach Leute von hier", sagte Tusk dazu in einem Interview. Erst die Geschichte hätte sie dazu gezwungen, sich zwischen Deutschland und Polen zu entscheiden.Der neue Premier bezeichnet sich selbst als Kaschube, als Angehörigen eines kleinen Volksstamms in der Umgebung von Danzig. Niemand weiß genau, woher die Kaschuben einst gekommen sind. Sie sprechen ihre eigene Sprache, die neben vielen polnischen Elementen auch deutsche Wörter enthält. Seit jeher stand das Völkchen deshalb im Verdacht, allzu große Sympathien für die Deutschen zu hegen. Zu Zeiten des Kommunismus verleugneten viele Kaschuben aus Scham ihre Herkunft. So entdeckte auch Tusk, der als Historiker Bildbände über Danzig herausgab, erst in den 80er Jahren seine Wurzeln. Inzwischen engagiert er sich für die Bewahrung der kaschubischen Sprache und die Wiederbelebung der Kultur. So hat er ein kaschubisches Sprachlehrbuch herausgegeben und einen Ratgeber zu kaschubischer Stickerei.
 
Der öffentliche Vorwurf, sein Großvater sei Mitglied der deutschen Wehrmacht gewesen, traf Tusk vor zwei Jahren schwer. Er wisse davon nichts, sagte er in einer ersten Stellungnahme, sähe aber auch keinen Grund, sich für den Großvater zu schämen. Inzwischen ist bekannt, dass Tusks Großvater im KZ saß und zwangsrekrutiert wurde, als die Deutschen gegen Kriegsende ihr letztes Aufgebot zusammenstellten. Bis die Sache endgültig geklärt war, fügte der Vorwurf Tusk und seiner Partei einigen Schaden zu. Dann aber nutzte der Historiker die Gelegenheit, auf das Schicksal vieler Danziger und Kaschuben im Krieg aufmerksam zu machen. Und so ist Geschichte von Donald Tusk und seinem Großvater auch die Geschichte einer Suche nach der eigenen Identität. "Lass dich vor allem von niemandem auslachen", soll Vater Tusk zu seinem Sohn gesagt haben, als er ihm von seiner kaschubischen Herkunft erzählte, "schlag zu und Ende".  Während seines Geschichtsstudiums arbeitete Donald Tusk auch auf der legendären Danziger Lenin-Werft, wo er sich der Streikbewegung anschloss. Er, der heute wirtschaftsliberal denkt, wollte einst die Arbeiterklasse verteidigen. Womöglich haben aber gerade die damaligen Erfahrungen von der Ineffizienz staatlichen Wirtschaftens auf der Werft ihre Spuren in Tusks Denken hinterlassen. Schließlich wurde die Politik zu Tusks Lebensinhalt. Lange spielte er dabei nur die zweite Geige - sowohl im Liberal-Demokratischen Kongress (KLD) als auch in der Demokratischen Union (UD), den Parteien, die er in den 90er Jahren mitbegründete. Immerhin wählte man ihn 1997 zu einem Vize-Marschall des polnischen Parlaments. Das allerdings war ein Amt ohne größeren Gestaltungsspielraum.Tusks Hauptproblem in diesen Jahren schien sein fehlender Ehrgeiz zu sein. Als er im Jahr 2000 nur knapp die Wahl zum Vorsitzenden der Demokratischen Union verlor, verließ er die Partei und gründete die Bürgerplattform. 2005 zog er mit dieser liberal-konservativen Sammelbewegung in Kopf-an-Kopf-Rennen bei den Parlamentswahlen und als Spitzenkandidat bei den Präsidentschaftswahlen gegen jeweils einen der beiden Kaczynski-Zwillinge den Kürzeren. Nach diesen bitteren Niederlagen schien Tusk verwundet, mit dem Stigma des ewigen Verlierers behaftet. Er galt als einer, dem ganz im Gegensatz zu den Kaczynski-Zwillingen der letzte Wille zur Macht fehlt. Man schien ihn, den leicht lispelnden, leise sprechenden Historiker aus Danzig, irgendwie nie richtig ernst nehmen zu können. In Polen galt er nun nicht mehr als "jung" und auf keinen Fall als charismatisch. Die Tusk-Fans saßen eher im Ausland, wo man sein liberales Wirtschaftsprogramm und seine europafreundliche Einstellung lobte. Noch wenige Wochen vor der Wahl im Oktober bezeichneten viele Wähler Tusk als farblos, unentschieden und kraftlos. Genau diese Wähler rieben sich die Augen, als Tusk in einem TV-Duell mit Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski locker, zielsicher und schlagfertig auftrat. Damit überraschte er selbst seinen Gegner, der die Nerven verlor. Tusks freundliches Erscheinungsbild ergab einen scharfen Kontrast zum polternden, verbal um sich schlagenden  Jaroslaw Kaczynski. Und dieses Bild hat sich eingeprägt.
 
Tusks freundliche Erscheinung sollte jedoch niemanden täuschen. Der neue Ministerpräsident hat keine Probleme damit, Mitarbeiter loszuwerden, sobald sie ihm nicht mehr passen oder -wie einige seiner ehemaligen Kollegen behaupten - sobald sie stark genug werden, um seine Stellung in der Partei zu gefährden. Andererseits erarbeitete sich Tusk über die Jahre das Vertrauen polnischer Autoritäten wie des ehemaligen Außenministers Wladyslaw Bartoszewski und von Bogdan Borusewicz, beide Legenden aus der "Solidarnosc"-Zeit. Auch Radoslaw Sikorski, bis zu seinem freiwilligen Rücktritt Verteidigungsminister im Kabinett Kaczynski, zählt zu den wichtigsten Stützen des neuen Ministerpräsidenten. Die nun besiegelte Koalition mit der kleinen Volkspartei hat ihre private Vorgeschichte. Die beiden Parteivorsitzenden, Tusk und Waldemar Pawlak, verbindet eine langjährige Bekanntschaft. Als Pawlak Anfang der 90er Jahre erstmals als Ministerpräsident eine Regierung zu bilden versuchte, wollte er Tusk bereits in sein Kabinett aufnehmen. Seitdem entwickelte sich die Beziehung zwischen den beiden so gut, dass Tusk ihr Verhältnis heute als "ungewöhnlich vertrauensvoll" bezeichnet. Keine schlechte Voraussetzung für den Beginn der Regierungszeit. ENDE


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