Ungarn

Schwulenfeindliche Hetze gegen Gyurcsány-Vertrauten

Ungarische Politiker schrecken in der politischen Auseinandersetzung jetzt auch vor Schlägen unter die Gürtellinie nicht mehr zurück. Der dem rechtskonservativen Bürgerbund "Fidesz" nahestehende Sender "Radio Kettenbrücke" veröffentlichte auf seiner Internet-Seite am Mittwoch einen Artikel über mutmaßlich krumme Geschäfte des Staatssekretärs Gábor Szetey. Der Politiker ist in der Montage vor dem Eingang zum Vernichtungslager Auschwitz mit der zynischen Lagerlosung "Arbeit macht frei" zu sehen. Am Revers trägt Szetey den "rosa Winkel", mit dem die Nazis Homosexuelle kennzeichneten. Im Juli hatte sich der Vertraute des Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány (Sozialisten) als homosexuell geoutet.

"Ich weiß, dass es Angriffe auf mich geben wird", sagte Gábor Szetey damals."Behaarte oder rasierte Partner aus Übersee"Szetey ist der zweite ungarische Politiker nach der Liberalen Klára Ungár, der sich offen zu seiner Homosexualität bekannt hat. Die Angriffe ließen auch nicht lange auf sich warten. Nach seinem Outing Anfang Juli erschienen homosexuellenfeindliche Äußerungen auf der Internetseite der Ungarischen Ärzte-Kammer. Dort veröffentlichte der Debrecener Arzt Attila Nagy seine Gedanken zur Homosexualität und beklagte, dass Szetey "sich statt ungarischer Mädchen behaarte oder rasierte Partner aus Übersee gesucht hat." Das sei für die Gesellschaft schädlich, denn "nur Mann und Frau könnten ein gesundes Volk hervorbringen."

Kammerpräsident István Éger sah damals keinen Grund, gegen die homophoben und rassistischen Äußerungen vorzugehen. Das Internet-Forum des Berufsverbandes sei offen für jede Meinung, konterte  er gegenüber Kritikern.Reaktionen auf die FotomontageDer neue schwulenfeindliche Vorfall ist von allen Parteien verurteilt worden. Ministerpräsident Gyurcsány von den Sozialisten bezeichnete die Fotomontage als "schäbig" und forderte eine strenge Bestrafung der Verantwortlichen. Der Angegriffene selbst sagte, er lasse sich "nicht einschüchtern". Auch die größte Oppositionspartei, der rechtskonservative Fidesz, verurteilte die Fotomontage. Fraktionschef Tibor Navracsics machte klar, dass für diejenigen, die das homosexuellenfeindliche Bild auf der Internetseite von "Radio Kettenbrücke" platziert hatten, kein Platz mehr in der Partei "Fidesz" sei. Die diensthabende Redakteurin Gabriella Veress saß bis zu dem Vorfall als Nachrückerin im Stadtrat des 20. Bezirks, Pesterzsébet. Sie trat zurück und verließ auch die Partei. Von ihrem Arbeitgeber wurde sie umgehend gefeuert.

Auch der Chefredakteur der Online-Ausgabe von "Radio Kettenbrücke" musste gehen.Schwulenfeindliche Übergriffe an der TagesordnungImmer wieder kommt es zu Übergriffen auf Schwule, die in Ungarn als "meleg" (Warmer) oder "buzi" bezeichnet werden. So wurden anlässlich der "Gay Pride Parade" in Budapest, Anfang Juli, mehrere Teilnehmer von Rechtsextremen angegriffen. Die Rechtsaußen-Splitterpartei "Jobbik" (Die Besseren/Rechteren) hatte dazu aufgerufen, die Teilnehmer der Veranstaltung nach dem Muster der "Anti-Antifa" zu fotografieren und die Bilder ins Netz zu stellen. Auf der Internetseite "kuruc.info" warnten sie vor den "Gefahren für die ungarische Familie". Aber so einen "brutalen und offen faschistischen Angriff" wie auf den Leiter der Staatskanzlei habe es noch nicht gegeben, meint László Láner, verantwortlicher Redakteur des Schwulenmagazins "Mások" (Die Anderen). In einem Schreiben an die Parteien und den Staatspräsidenten fordern sie klare Standpunkte. "Hier ist eine Grenze erreicht, die in einer Demokratie nicht überschritten werden darf", findet Láner.


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