Ungarn

Rechtsextreme gründen "Ungarische Garde"

Minderheiten demonstrieren gegen den Fahneneid der WehrsportgruppeBudapest (n-ost) - Die Sonne steht jetzt schon hoch. Die Hitze ist unerträglich geworden. Auch die etwa 300 Teilnehmer der kleinen Demonstration am Fuße des Budaer Burgberges schwitzen. "Nie wieder" steht auf den Transparenten. Andere zeigen KZ-Bilder. Erzsébet Daróczi spricht für die ungarischen Roma. Sie erzählt von ihren Verwandten, die im KZ leiden mussten. "Soll ich denen sagen, ich bleibe heute lieber zu Hause?", fragt sie in die Menge. Ein Provokateur mit Glatze und schwarzer Kleidung zieht vorbei. "Nein", sagt sie, "ich bleibe nicht zu Hause und rühre in der Suppe". Das Schlimmste sei, dass ein ehemaliger Verteidigungsminister, Lajos Für, ihnen "den Weg ebnet".  Dabei berufe er sich auf Meinungsfreiheit und Demokratie. "Doch was zählt mehr?", fragt Daróczi in die Menge, " ihre Meinungsfreiheit oder unsere Würde?"Rechtsextreme vor dem PräsidentenpalastOben auf dem Budapester Burgberg wehen schon die Fahnen: Die rot-weiß-grüne ungarische Trikolore und die rot-weiße Árpádfahne, unter der im Zweiten Weltkrieg ungarische Pfeilkreuzler die ungarischen Juden in den Tod schickten. Die rechtsextremen "Goj-Motorradfahrer" sind gekommen, ein Skinhead betont auf seinem T-Shirt die Überlegenheit der Weißen Rasse ("White Power"), unterzeichnet mit "88", dem Szene-Code für "Heil Hitler". Ein anderer bekennt sich ganz offen dazu "born to be a nazi" (zum Nazi geboren) zu sein. Eine alte Dame raunt "Hier oben sind die wahren Ungarn". In Sprechchören fordern sie: "Gyurcsány hau ab", denn den sozialistischen Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány können sie nicht leiden. "Es gibt keine Nazi-Gefahr", behauptet Jobbik-Parteichef Gábor Vona. "Es gibt eine Kommunistengefahr", denn schließlich sei der Ministerpräsident ja früher mal ZK-Chef des Kommunistischen Jugendbundes KISZ gewesen.
Rechtsextreme Garde auf der Burg
Stephan Ozsváth

Jobbik, zu Deutsch: "Die Besseren", ist ein Sammelbecken für Ungarns Rechtsextreme. Deren Parteichef Vona steckt auch hinter dem Aufmarsch auf der Burg. Eine "Ungarische Garde" soll hier gegründet werden. Vona behauptet "man müsse bereit sein". Bereit, die Heimat zu verteidigen. In Vonas Fantasie probt bereits "Rumänien in Manövern die Besetzung der Tiefebene". Den Nachweis bleibt er allerdings schuldig. Der Jobbik-Chef begründet die geplanten Wehrsportaktivitäten in einem Interview auf der parteieigenen Homepage mit der Abschaffung der Wehrpflicht in Ungarn. Für den Fall eines "Bürgerkrieges" oder "Angriffes von außen" stünden die Aktivisten der "Ungarischen Garde" bereit. Gegen wen es gehen soll, lässt er offen.Doch ungarische Juden und andere Minderheiten sind alarmiert. Denn "Jobbik" hetzt gegen Roma, Juden und Homosexuelle. 2003 wurde die Partei von radikalen Universitätsstudenten gegründet. Bei den Parlamentswahlen vor einem Jahr trat die Partei auf einer gemeinsamen Liste mit der rechtsextremen "Lebens- und Wahrheitspartei" (MIÉP) des antisemitischen Schriftstellers István Csurka an. Die ungarischen Wähler straften die Rechtsextremen jedoch ab, lediglich 2,2 Prozent machten ihr Kreuz hinter dem "Dritten Weg". Bei den Kommunalwahlen im Oktober letzten Jahres gelang den Rechtsextremen allerdings der Sprung in einige Rathäuser, etwa in Debrecen, der drittgrößten Stadt des Landes. Denn neben dem rechtskonservativen Bürgerbund Fidesz war auch "Jobbik" maßgeblich an der Organisation der Anti-Regierungs-Demonstrationen vor einem Jahr beteiligt. Sie hatten sich an der sogenannten "Lügenrede" von Ministerpräsident Ferenc Gyurcsány entzündet, der zugegeben hatte, die Ungarn vor den Parlamentswahlen 2006 über die wahre Finanzlage des Landes getäuscht zu haben."Jobbik" ist stramm romafeindlich, im Internet betreibt die Partei einen digitalen Pranger, an den - mit Foto - angeblich "kriminelle Zigeuner" und vermeintliche Polizeispitzel gestellt sind. Angesichts der "Gay Pride"-Parade Anfang Juli rief die Partei dazu auf, Homosexuelle zu fotografieren. Schwule und lesbische Paradeteilnehmer wurden von den Rechtsextremen attackiert.Der Verband der jüdischen Gemeinden MAZSIHISZ befürchtet, dass "die Radikalen mit Vorbereitungen zu bewaffneter Gewalt begonnen haben". Dies gefährde sowohl die öffentliche Ordnung, als auch die ungarischen Juden. "Die Gründung dieser Kampftruppe ist eine direkte Fortsetzung der Tätigkeit der Rechtsradikalen im vergangenen Herbst, als bei den Straßendemonstrationen stets antisemitische Parolen zu hören waren", beklagt der Verband. Fahneneid unter Trommelwirbel"Gott schütze die Ungarn", aus hunderten Kehlen ertönt die Nationalhymne, Geistliche segnen die Fahne - rot-weiß gestreift und mit goldenen Löwen verziert, und dann marschieren 56 Gardisten unter Trommelwirbel zum Platz vor dem Präsidentenpalast. Die Zahl 56 soll an den Ungarn-Aufstand 1956 gegen die sowjetischen Besatzer erinnern. Die Befehle erteilt der Schauspieler Mátyás Ustics - auch er in schwarzer Kappe, schwarzer Hose, schwarzer Weste und weißem Hemd. Er betet vor. "Ich, Mitglied der ungarischen Garde schwöre..." Aus dem schwarzen Haufen kommt das Echo: "Ich, Mitglied der ungarischen Garde, schwöre". Der ehemalige Verteidigungsminister Lajos Für, verteilt die ersten Mitgliedsausweise an die frischgebackenen Gardisten. Sie sollen künftig Aufgaben im Heimat- und Katastrophenschutz übernehmen. Aber sie sollen auch schießen lernen."Ich bin außer mir, dass es möglich ist, so eine halbfaschistische Gruppierung zu gründen", sagt eine Dame auf dem "Teleki-Markt" in der Józsefváros, dem Romaviertel von Budapest. "Schweine", raunt ein anderer Roma an einem Gemüsestand. Auch ein paar Schritte weiter, beim Roma-Radio "Radio C" versteht man die Welt nicht mehr. "Was soll das? Heimat verteidigen? Das ist eine Parteiarmee", findet der Direktor des Senders, Tivadar Fátyol und beißt noch ein Stück von seinem Lángos ab, dem fettigen Hefefladen, den es auf dem Markt nebenan zu kaufen gibt."Eine Schande" sei die Gründung der Garde, wettert auch Premierminister Gyurcsány. Er fordert alle "demokratisch denkenden Ungarn auf, wachsam zu sein, und im Zweifel dagegen aufzustehen". Aber erst nach einem Protestbrief des Jüdischen Weltkongresses hat Gyurcsány den Generalstaatsanwalt angewiesen, "Jobbik" und ihren Ableger "Ungarische Garde" genau zu beobachten. Tivadar Fátyol schüttelt den Kopf. "Warum fällt ihm das jetzt erst ein?", wundert er sich und wischt sich den Schweiß ab.Fast alle demokratischen Parteien distanzieren sich von der rechtsextremen Garde. Nur der rechtskonservative Bürgerbund Fidesz hat sich lediglich einen lauen Appell abgerungen, doch bitte die Bürgerrechte zu respektieren. Der Fidesz wolle die Zwölf Prozent Wähler am rechten Rand einfangen, vermutet der Soziologe Pál Tamás.Nach einer guten Stunde ist die gespenstische Zeremonie auf der Burg vorbei. "Was halten Sie denn von der Garde, braucht Ungarn die?" Der Taxifahrer nickt. Schon als Ausgleich zu Roten und Liberalen. Die würden sonst zu mächtig. Und er raunt dem Fahrgast zu: "Sie wissen ja, wer hinter den Liberalen steckt?", fragt er in verschwörerischem Tonfall und gibt sich selbst die Antwort: "Die jüdische Lobby".ENDE

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Stephan Ozsváth


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