Polen

Alle Wegen führen nach Tschenstochau

Im August ist in Polen Hochsaison für Pilger / Auch Bundeswehrsoldaten marschieren mit zur Schwarzen MadonnaTschenstochau (n-ost) - Kein Weg ist zu weit. Alle Jahre pilgern sie in Großgruppen von der Halbinsel Hel, aus Stettin oder aus Warschau zu Fuß zur Schwarzen Madonna von Tschenstochau. Der August ist in Polen die Hochsaison für Pilger. Am zweiten und dritten Tag ist es am schlimmsten. Egal aus welchem Ort sie laufen, nach den ersten 30 bis 50  Kilometern auf verkehrsreichen Straßen, fängt die Krise an. Am frühen Morgen streiken die Beine, die Hüfte und die Füße schmerzen. Der harte, ungewohnte Asphalt fordert seinen Tribut. Und plötzlich ist der Rucksack schwerer als noch am vergangenen Abend. Plötzlich kommt Angst auf, dass die Last noch schwerer werden könnte, dass das Ziel womöglich nie erreichbar sein wird.In dieser Situation sind erfahrene Pilger wie Joanna gefragt. "Das geht bald vorbei", beruhigt sie die Novizen unter den Pilgern. Joanna selbst hat bereits 16 Wallfahrten in den Beinen. "Sobald die Waldwege erreicht werden, wird es besser", verspricht sie. Was sie verschweigt: Auf Sand kommen die Verrenkungen. Und die Blasen  - die treuesten Begleiter eines Pilgers. Das sei aber gut so, meint Marek, der seine sechste Wallfahrt bestreitet. Auch dies gehöre eben dazu: leiden.
Muede Beine
Agnieszka Hreczuk 

640 Kilometer lang ist der Weg der Pilger von der Halbinsel Hel vor Danzig bis nach Tschenstochau. 620 Kilometer sind es von Stettin an der deutschen Grenze. Das entspricht der Entfernung zwischen Berlin und Stuttgart. Und alles zu Fuß. Für Großgepäck gibt es immerhin Begleitfahrzeuge. Dennoch stehen an jedem Rastplatz die Pilger Schlange vor dem Krankenzelt und lassen sich ihre Blasen versorgen. Übernachtet wird dort, wo gerade Platz ist, in Scheunen, Turnhallen oder Zelten. "Diejenigen, die aus Kattowitz nach Tschenstochau laufen, dürften sich gar nicht Pilger nennen", meint ein Mann aus Warschau, der immerhin noch 300 Kilometer zurücklegen muss. "Was wissen die denn vom echten Pilgern? Nur 70 Kilometer."Die ersten Pilger machen sich schon Ende Juli auf die Socken, um noch vor Ende der polnischen Sommerferien Polens Nationalheiligtum zu erreichen. Am 15. und 26. August wird die Schwarze Madonna von Tschenstochau besonders gefeiert. Dann sammeln sich zu Gottesdiensten bis zu 200.000 Menschen auf der Wiese vor dem Klosterkomplex. Über drei Millionen Menschen besuchen jährlich das Kloster. Immerhin 100.000 von ihnen sind Fußpilger, der Rest kommt mit dem Bus, Auto oder Zug.Pilgern übt gerade auf junge Menschen in Polen einen großen Reiz aus. Der Durchschnittspilger ist unter 40 und Akademiker, nicht unbedingt tiefgläubig, aber nach einem eigenen Weg zu Gott suchend. Das Phänomen lässt sich nicht allein durch die Faszination für den Katholizismus erklären. In der Zeit der Unterdrückung der polnischen Bevölkerung durch fremde Mächte, wurde Pilgern zum Zeichen für Patriotismus. In den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, in der Spätzeit des  Sozialismus, pilgerten sogar 400.000 Menschen pro Jahr zur Schwarzen Madonna. Und der Staatssicherheitsdienst pilgerte notgedrungen mit. Unterwegs stellte das Regime den Strom in den Dörfern ab und ließ Wege sperren. Die Pilger erreichten trotzdem ihr Ziel. Heutzutage lassen sich polnische Spitzenpolitiker gerne mit den Pilgern sehenWährend einer kurzen Verschnaufpause rollt Jolanta eine Matte aus und verschnauft zusammen mit Tochter Ismena, ihren zwei Schwestern und ihrem Schwager. Jolanta läuft bereits zum 19. Mal nach Tschenstochau, ihre zehnjährige Tochter sei auch schon zum dritten Mal dabei.  "Stimmt nicht", protestiert Ismena. "Zum vierten". Tatsächlich pilgerte Jolanta zweimal als Schwangere nach Tschenstochau, einmal mit Ismena. Jedes Jahr hätte sie einen anderen Grund, sich auf die schwere Reise zu machen, erzählt Jolanta. "Für die Kinder, die Familie, die Gesundheit". In diesem Jahr will sie sich für den Schulabschluss ihres ältesten Sohnes bedanken. "Ein gutes Kind, aber nicht besonders begabt. Und trotzdem hat er das geschafft. Ist das nicht ein kleines Wunder?", lacht sie.Tschenstochau bedeute für sie "Gefühl, Freude, Entzücken". Die Augen von Jolanta werden plötzlich feucht. "Das lässt sich nicht so einfach erklären. Man muss es selbst erleben. Ich warte das ganze Jahr über auf dieses Gefühl", sucht sie nach Worten. Eine junge Frau springt ihr zur Seite: "Es ist so, als ob man den Akku aufladen würde. Für ein paar Monate reicht es. Dann fängt man wieder an, sich nach diesem Gefühl zu sehnen".Viel Zeit zum Sprechen gibt es auf den Wallfahrten nicht. Täglich laufen die Pilger etwa 40 Kilometer. Zwei bis drei Stunden am Stück wird marschiert, dann sind 15 Minuten Pause, bis es weiter geht. Unterwegs wird gesungen, gebetet und sich bei Gott bedankt. Am Straßenrand stellen Einheimische Tische auf, bieten den Pilgern Becher mit Getränken, Platten mit Kuchen oder Obst. Die Pilger laufen in der Regel in Gruppen von etwa 200 Leuten. Mehrere Gruppen bilden eine Legion, mehrere Legionen eine Pilgerfahrt. Die Legionen wählen unterschiedliche Strecke, ansonsten würde der mehrere Kilometer lange Zug den Verkehr lahm legen. Im Dorf Blizne hinter Warschau schafft Danuta immer neue Vorräte heran. "In dieser Saison ist das die erste Pilgergruppe. Aber schon morgen kommen zwei weitere Gruppen vorbei", erzählt sie. Ihre Cousine im Nachbardorf kümmert sich derweil schon um das Mittagessen. Dort werden die Pilger länger rasten. Bis zu 5000 Menschen werden dann zusammenkommen. Für ihre Arbeit bekommen die Helfer nichts, außer dem Dank der Wallfahrer und dem Gefühl, zu einer Gemeinschaft zu gehören. Untereinander reden sich die Pilger mit "Schwester" und "Bruder" an."...Schwarze Madonna, wie gut es ist, Dein Kind zu sein..." Agata, die zum 10. Mal nach Tschenstochau läuft, singt ergriffen mit. Ohne Wallfahrt habe sie Angst, verrät sie. Einmal habe sie pausiert und ihr ganzes Leben sei aus den Fugen geraten. Dann sei sie wieder mitgelaufen. "Und alles war wieder in Ordnung", erzählt sie mit Stolz in der Stimme und singt weiter zu Gitarre und Tamburin: "Maria, die Königin Polens, ich bin immer mit Dir..."Mit dabei ist auch eine Gruppe von Soldaten. Flaggen knattern über ihren Köpfen: Neben der polnischen sieht man amerikanische, litauische, slowakische und sogar deutsche Fahnen. "Heyooo" begrüßen die Amerikaner die Bevölkerung am Wegesrand. "Wir marschieren zu Ehren Eurer Soldaten, die im Irak gefallen sind", erklärt ein Gefreiter aus Arizona. Doch den Amerikanern war offensichtlich nicht ganz klar, worauf sie sich eingelassen haben: "Erst von uns haben sie erfahren, dass sie noch 300 Kilometer so laufen werden", lacht Frederik Schwierz aus dem Kontingent der deutschen Soldaten. "Die Fallschirmspringer sind das Laufen gar nicht gewöhnt. Mal sehen, wann sie genug davon haben."
Bundeswehrsoldat Frederik
Agnieszka Hreczuk

Angst um seine eigene Kondition hat der Hauptgefreite nicht. Er und der Hauptgefreite Stefan Knopf sind schon zum dritten Mal dabei. Er wolle sich vor allem selbst prüfen, erklärt Knopf, der eigentlich Atheist ist. 600 Kilometer bis nach Tschenstochau zu laufen, das sei immer eine Herausforderung. Die Soldaten sind aufgrund einer offiziellen Einladung der polnischen Regierung dabei. Freiwillig, betonen beide. Von der Willensstärke der polnischen Pilger ist Atheist Knopf durchaus beeindruckt. "Zivilisten ohne Vorbereitung schaffen das, wofür wir Soldaten täglich trainieren. Ihr Glaube muss schon enorm sein."Für seinen Kollegen Frederik Schwierz dagegen ist der Marsch ein religiöses Erlebnis, allerdings ein anderes, als sich die polnischen Militärseelsorger das wünschen würden. "Nach der Wallfahrt fühle ich mich immer in meinem evangelischen Glaube gefestigt", sagt er.Die größten polnischen Pilgergruppen kommen aus Großstädten, der Spitzereiter ist Warschau mit 20.000 Teilnehmern. Während die Zahl der Fußpilger nach Tschenstochau über die Jahre gesehen abnimmt, bleibt die Gesamtzahl der Pilger in Polen ungefähr stabil. "Die Leute pilgern jetzt auch in andere Orte, sie entscheiden sich auch für die andere Formen der religiösen Aktivitäten: Werkstätten, Jugendtage", sagt der Vater Kowalczyk, der Jesuit ist. Ungebrochen ist die Anziehungskraft der Schwarzen Madonna. "Die Madonna ist für Polen wie eine wunderschöne, gute Mutter, sie interessiert sich für die Alltagsprobleme der Gläubigen und ist fürsorglich, verständnisvoll und verzeihend", erklärt der polnische Soziologe und Religionswissenschaftler Stefan Czarnowski in einem Buch das Phänomen der Madonna. Die Pilger würden sich an sie mit Fragen wenden, die man Gott direkt nicht stellen wolle.Hinten jeder Pilgergruppe läuft ein einsamer Priester. Ständig wechseln sich dessen Begleiter ab, denn es handelt sich um eine Art "beweglichen" Beichtstuhl, der rund um die Uhr für die Pilger geöffnet hat. An Interessenten gibt es keinen Mangel. Atheist Stefan Knopf kann da nur die Stirn runzeln. "Etwas merkwürdig ist das alles." Und auch die Szenen bei der Ankunft in Tschenstochau bei der Schwarzen Madonna findet er seltsam. "Die Leute, die soviel durchgemacht haben, gehen in der Kapelle noch auf die Knie, vor dem Bild. Sie weinen echt".
Sein evangelischer Bundeswehrkollege Frederik Schwierz ist dagegen ergriffen. "Es gefällt mir, dass die Leute noch etwas so tief erleben können und sie ihre Gefühle so offen zeigen". Auf der Wallfahrt hat er ein Mädchen kennen gelernt. "Mal sehen, was dabei herauskommt", ist er unsicher. Im kommenden Jahr werde er wohl nicht in Polen sein, sondern wahrscheinlich in Afghanistan.

ENDE

Infokasten "Schwarze Madonna"Die Ikone der Schwarzen Madonna soll zwischen dem 6. und 9. Jahrhundert in der heutigen Ukraine entstanden sein und wurde im 14. Jahrhundert von Wladyslaw von Oppeln dem Kloster in Tschenstochau gestiftet. Es handelt sich um ein auf Holz gemaltes Marienbildnis, dessen Farben im Lauf der Jahrhunderte immer dunkler wurden, daher der Name "Schwarze Madonna".
Das Kloster auf dem Hellen Berg (Jasna Gora) in Tschenstochau, in dem sich die Ikone befindet, wurde in Polen zum Symbol von den erfolgreichen Kampf gegen äußere Feinde. Die Mönche verteidigten das Kloster im Jahre 1655 erfolgreich gegen die Schweden. Dies wurde als göttliches Wunder gewertet, das auf die Hilfe der Schwarzen Madonna zurückgeführt wird. 1656 erklärte der polnische König Jan Kazimierz die heilige Maria offiziell zur "Königin Polens". Auch wenn die Legende umstritten ist, weil das Kloster eher einer Festung ähnelt, die durchaus verteidigt werden konnte, lebt der Mythos der heldenhaften Mönche und des Marienwunders weiter. Tschenstochau ist seit dem späten Mittelalter Ziel von Wallfahrern. Die erste organisierte Wallfahrt aus Warschau nach Tschenstochau ist für das Jahr 1711 dokumentiert. Heute wird Tschenstochau jährlich von über vier Millionen Gästen aus aller Welt besucht. Auch der verstorbene polnische Papst Johannes Paul II. besuchte Tschenstochau mehrmals während seines Pontifikates. Sein Nachfolger Bendikt XVI. kam 2006 nach Jasna Gora.ENDE----------------------------------------------------------------------------
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