Polen

F16-Kampfflugzeuge über Warschau

Kaczynski-Zwillinge feiern mit großer Militärparade das "Wunder an der Weichsel" vor 87 Jahren

Warschau (n-ost) - Am Montag brach in Polen nach langen Qualen die konservativ-nationalistische Regierung des Ministerpräsidenten Jaroslaw Kaczynski auseinander. Doch der Mittwoch wurde zum Festtag für den Premier auf Abruf und seinen Zwillingsbruder, Staatspräsident Lech Kaczynski: Warschau erlebt die größte Militärparade seit dem Zweiten Weltkrieg.  1000 Soldaten paradierten anlässlich des "Tags der polnischen Armee" bei strahlendem Sonnenschein durch die Stadt, der in dieser Form zuletzt im Jahr 1939 gefeiert wurde. Der Aufzug manifestiert noch einmal den Anspruch der polnischen Zwillinge, das Land in eine IV. Republik zu führen, die von kommunistischen Seilschaften gesäubert und stolz auf ihre Vergangenheit ist. Kritische Beobachter bringen das Spektakel mit den in Polen anstehenden Neuwahlen in Verbindung. Die Kaczynskis würden damit die "Wahlschlacht" beginnen, heißt es dazu auf dem Internet-Portal "polskaweb".

Tausend Soldaten - darunter eine Einheit aus Frankreich - Kampfwagen, Transporter und Panzer bewegten sich langsam an der Tribüne mit den Ehrengästen vorbei. Die Luft war erfüllt vom Lärm mehrerer Helikopter und dem Geheul von F-16-Kampfjets. Aus den Lautsprechern erklangen dazu die patriotischen Lieder mehrere Chöre. Die Liste der Prominenten erinnert an einen Parteitag der Kaczynski-Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS). Neben Präsident Lech und Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski waren Mitglieder des am Montag neu gebildeten Regierungskabinettes vertreten, das bis zu den voraussichtlichen Neuwahlen Ende Oktober nur noch aus PiS-Mitgliedern oder Sympathisanten besteht. Auch einige Bischöfe waren gekommen. Für Politiker anderer Parteien reichte der Platz nicht mehr. Nur ein Vertreter der Warschauer Bürgermeisterin Hanna Gronkiewicz-Walz, die der oppositionellen Bürgerplattform angehört, durfte mitschauen.  Nicht geladen war der ehemalige Verteidigungsminister Radoslaw Sikorski, der im Januar entlassen worden war und als Kritiker des von den USA in Polen und Tschechien geplanten Raketenabwehrschirmes gilt.

Sichtbar gut gelaunt eröffnete Präsident Lech Kaczynski die Parade in einem Geländewagen, begleitet von Pferden der polnischen Kavallerie. Bis zur letzte Minute war nicht sicher, ob die Parade in dieser Größenordnung überhaupt stattfinden würde - bei Temperaturen über 30 Grad dürfen Panzer und Kampfwagen eigentlich nicht auf den weichen Asphalt in der Stadt. Doch die Quecksilbersäule verharrte bei 28 Grad. Tausende Besucher standen entlang der Paradestrecke, die auch am Denkmal des polnischen Freiheitshelden Jozef Pilsudski vorbeiführte.

Bis 1939 war der Tag der Armee einer der wichtigsten Feiertage Polens. Er findet am 15. August statt, aus Erinnerung an das so genannte "Wunder von der Weichsel" 1920. In dieser Entscheidungsschlacht nahe Warschau gelang es den Truppen des polnischen Marschalls Pilsudski die Sowjetarmee zu schlagen und so am weiteren Vormarsch nach Westen zu hindern. Sonst wäre dem sowjetischen Führer Lenin der Weg nach Deutschland und damit womöglich zur Weltrevolution des Kommunismus offen gewesen, argumentieren polnische Patrioten. Unterschlagen wird dabei etwas, dass Pilsudski den Krieg gegen die Sowjetunion selbst am 17. April 1920 begonnen hatte, weil er die Kommunisten für geschwächt hielt. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in der sozialistischen Volksrepublik Polen der Tag der Armee aus nahe liegenden Gründen in dieser Form nicht mehr gefeiert. Nun knüpfen die Kaczynskis, die Polen gerne selbst zu neuer, historischer Größe führen wollen, an alte Traditionen an.

"Die Parade ist ein Zeichen des Respekts, den die Regierung für die Soldaten empfindet, und ein Zeichen, dass die Armee besser ausgestattet werden muss. Die Kraft unserer Armee ist eine Garantie für den Frieden", sagte Präsident Lech Kaczynski in seiner Eröffnungsrede und reihte Polen in den von den USA geführten Kampf gegen den Terror und gegen Al Kaida ein. "Terrorismus ist auch unser Feind, denn in New York, London und Madrid sind auch Polen ums Leben gekommen". Verteidigungsminister Aleksander Szczyglo verwies auf ein gestiegenes Selbstbewusstsein seit der Wende in Polen von 1989: "Nach 18 Jahren ist es gut den Mitbürgern zu zeigen, dass die Streitkräfte ein wichtiger Teil des demokratischen Staates sind."

Während Präsident Lech Kaczynski stolz auf die Stärke der polnischen Armee ist, wiederholen sich Meldungen über Probleme in den polnischen Auslandsmission in Afghanistan und Irak. Die Ausstattung sei nicht ausrechend, was die Mission lebensgefährlich mache, kritisieren Soldaten. Nicht nur Kampfwagen und Gewehre seien nicht an die Bedingungen vor Ort angepasst, sogar Uniformen und Schuhe eigneten sich nicht für den Einsatz, heißt es in dem Buch "Wozu Krieg?", das kürzlich in Polen erschien und ein großes Echo fand. Erst am Dienstag ist wieder ein polnischer Soldat in Afghanistan erschossen worden. Und im Juli starb der 21. polnische Soldat im Irak.

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Agnieszka Hreczuk


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