Mehrere Spuren nach russischem Zug-Attentat
Mehrere Spuren nach Zug-Attentat
Moskau (n-ost) - Die Ermittlungen zum Anschlag auf den "Newski-Express", der am Montagabend auf der Strecke Moskau-St. Petersburg durch eine Bombe aus den Gleisen geworfen wurde, gehen nur langsam voran. Bei dem Bomben-Anschlag wurden 60 Menschen verletzt. 19 Personen lagen gestern noch in Krankenhäusern.
Nach einem Bericht der Internetzeitung Gazeta.ru gibt es bereits Phantombilder von zwei Verdächtigen. Die Verdächtigen hätten "slawische Gesichtszüge" heißt es in dem Bericht. Wie die Nachrichtenagentur Ria Novosti berichtete, wird bereits nach einer konkreten Person gefahndet. Den Namen gab die Staatsanwaltschaft jedoch nicht bekannt.
Zwei Explosionen
Über den genauen Ablauf des Anschlags besteht noch Unklarheit. Einer der Zugführer und mehrere Augenzeugen hatten zweimal einen Knall gehört. Die Internetzeitung newsru.com berichtete, vermutlich sei einer der Attentäter in dem Zug mitgefahren. Dieser habe zunächst einen Hebel für die Notbremse gesprengt. Die Absicht der Terroristen sei es gewesen, die Geschwindigkeit des "Newski Express" zu vermindern, damit der Schnellzug von einer 30 Meter hohen Brücke in den Fluss "Tschorni" ("Der Schwarze") stürzt.
Nach Meinung der Ermittler wurde der Anschlag nicht von Experten ausgeführt. Die Attentäter hätten nicht berechnet, dass die Gleise - noch aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges - besonders befestigt sind. Auch hätten sie die Geschwindigkeit des Zuges nicht berechnet und das "falsche" Gleis gesprengt, so dass die Waggons nicht den Bahndamm hinunterkippten.
Öffentliche Hinrichtung durch Rechtsextremisten
Bis gestern wurden von der Staatsanwaltschaft zwei Personen zur Vernehmung vorgeladen, der Vorsitzende der tschetschenischen Organisation "Wajnach" im Gebiet Nowgorod, Salam Junusow. Im Gebiet Nowgorod fand der Anschlag statt. Außerdem wurde der Führer der rechtsextremen "Bewegung gegen illegale Migration", Aleksandr Bjelow vorgeladen. Bjelow wurde nicht nur zu dem Anschlag sondern auch zu einem Video vernommen, welches im Internet aufgetaucht war. Auf dem Video wurde die Hinrichtung von zwei Moslems gezeigt, einem Tadschiken und einem Dagestaner. Die Hinrichtung - der eine Mann wurde erschossen, dem Anderen wurde die Kehle durchgeschnitten - fand vor einer NS-Flagge statt. Der Mann, der das Video ins Internet gestellt hat, meldete sich inzwischen freiwillig bei der Polizei.
"Fortsetzung wahrscheinlich"
Die russische Öffentlichkeit ist durch den Terrorakt stark verunsichert. Die Eisenbahnstrecke nach St. Petersburg wird von vielen Moskauern benutzt, die im Gebiet St. Petersburg Urlaub machen.
"Dieser Terrorakt erschüttert und macht Angst", kommentierte das Massenblatt "Moskowski Komsomolez". "Nach der Tragödie in Beslan (vor drei Jahren hatten tschetschenische Terroristen in einer Schule über 1.000 Geiseln genommen) lebte das Land ruhig." Wenn der Bombenanschlag mit den nahenden Wahlen zusammenhänge, dann - so das Blatt - müsse man wohl mit einer "Fortsetzung" rechnen.
Tschetschenen, Rechtsextremisten oder Kriminelle?
Die beiden dem Kreml nahestehenden Politologen Wjatscheslaw Nikonow und Sergej Markow vermuten hinter dem Anschlag eine tschetschenische Spur. Markow, meinte gegenüber dem Boulevard-Blatt "Komsomolskaja Prawda", "erst bombten sie in Inguschetien, jetzt haben sie es bis St. Petersburg geschafft." Fakten für ihre Vermutung brachten die Politologen jedoch nicht.
Die Komsomoslkaja Prawda nennt noch eine zweite Version für den Bombenanschlag, die in Moskau intensiv diskutiert wird. Danach wurde der Anschlag von Rechtsextremisten ausgeführt. Die Explosion unter dem "Newski-Express" sei durch ein Kabel ausgelöst worden, welches man am Ort des Anschlags fand. Solch ein Kabel hätten auch die Attentäter benutzt, die Juni 2005 mit einer Bombe einen Zug auf der Strecke Grosny-Moskau zum Entgleisen brachten. Wegen diesem Anschlag läuft ein Strafverfahren gegen zwei Mitglieder der rechtsextremistischen "Russischen Nationalen Einheit".
Die liberale Zeitung "Kommersant" bringt unter Berufung auf Quellen in der Gebietsverwaltung von Nowgorod noch eine dritte Version ins Spiel. Danach standen hinter dem Bombenanschlag kriminelle Kreise in der nördlich von Moskau gelegenen Region. Diese wollten sich für eine antikriminelle Säuberungskampagne rächen, die nach der Absetzung von Gouverneur Michail Prusak begann. Prusak war seit der Jelzin-Zeit im Amt.
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Ulrich Heyden