Geschichte aus der anderen Perspektive
Wie die Polen mit der Erinnerung an den Warschauer Aufstand 1944 umgehen und wie eine junge Deutsche diese erlebt und erzählt
Warschau (n-ost) - Wie jedes Jahr wird am 1. August um 17 Uhr in Warschau das Leben für kurze Zeit stillstehen, wenn des Beginns des Warschauer Aufstands im Jahre 1944 gedacht wird. 63 Tage lang dauerte dieser Kampf des polnischen Widerstands gegen die deutschen Besatzer, der mit der Kapitulation der Aufständischen und der systematischen Zerstörung ganz Warschaus durch die Nazis endete. Im Museum des Aufstands beschäftigt sich eine junge Karlsruherin als erste deutsche Mitarbeiterin mit dieser Geschichte.Jutta Kuppinger steht in einem abgedunkelten Raum und beginnt zu erzählen. Ihre Worte werden dabei vom Krachen einstürzender Gebäude, dem Rattern von Maschinengewehren und den Pfiffen fallender Bomben übertönt. Schreie und Ausrufe wie "Halt" oder "Hände hoch" hallen durch den Raum. Bei jeder Explosion zuckt die deutsche Besuchergruppe zusammen. "Mit der Zeit gewöhnt man sich daran", lächelt die junge Deutsche. Die Besucher des Museums sollen möglichst plastisch nachempfinden können, was der Warschauer Aufstand bedeutete. Deswegen die beängstigende Geräuschkulisse, gegen die die 26-Jährige mit ihrer sanften Stimme anzukämpfen versucht.
Die deutsche Museumsmitarbeiterin Jutta Kuppinger vor einem restaurierten Teil der Abflusskanäle
Agnieszka HreczukJutta Kuppinger erzählt ihren Landsleuten die Geschichte der Warschauer Untergrundbewegung im Zweiten Weltkrieg gegen die deutschen Besatzer. Im wahrsten Sinne des Wortes lebte der Widerstand tatsächlich im Untergrund, in den Kellern und Kanälen Warschaus. "Dieser unterirdische Staat hatte nicht nur eine militärische, sondern auch eine zivile Funktion. Hier konnte man lernen, studieren, es gab sogar regulär erscheinende Zeitungen."Die meisten Besucher sind dabei so erstaunt wie Jutta Kuppinger es selbst war, als sie zum ersten Mal von diesem Kapitel der Geschichte hörte. Oft wird in Deutschland die polnische Widerstandsbewegung mit dem Aufstand im Warschauer Ghetto von 1943 verwechselt. "Man bekommt in der Schule mit, wie dramatisch die Lage während des Krieges hier war und wie viele Leute ums Leben gekommen sind." Doch dass in Polen die Widerstandsbewegung eine komplexe Struktur hatte, erfuhr sie erst in Warschau. Schätzungsweise 200.000 Polen, mehrheitlich Zivilisten, wurden damals von deutschen Truppen getötet.Die gebürtige Karlsruherin studierte in Konstanz Politikwissenschaft, wo vom fernen Polen nicht viel geredet wurde. Trotzdem entschied sie sich, Polnisch zu lernen. "Kurz vor dem EU-Beitritt war es", erinnert sie sich. "Ich dachte, diese Sprachkenntnisse können nützlich sein". Das bestätigte sich bald, denn sie bekam ein Stipendium für einen Studienaufenthalt in Warschau.Seit genau einem Jahr arbeitet Jutta Kuppinger nun in dem sehenswerten Museum, das erst am 31. Juli 2004 auf Initiative des damaligen Warschauer Stadtpräsidenten und heutigen Präsidenten Polens, Lech Kaczynski, eröffnet wurde. Die Eltern der heute in Polen regierenden Kaczynski-Zwillinge hatten auf Seiten der "Armia Krajowa", der Heimatarmee, selbst am Aufstand teilgenommen. Im Kommunismus war der Aufstand ein Tabu-Thema und geriet auch deshalb international in Vergessenheit, weil die Sowjetunion sich im August 1944 weigerte, den Aufstand zu unterstützen und ihre Truppen am Ostufer der Weichsel anhielt, während die Nazis am anderen Ufer ihr Vernichtungswerk durchführten. Der Aufstand wurde von Stalin als Versuch missbilligt, vor der Eroberung Polens durch die Rote Armee ein freies, demokratisches Polen zu errichten.Kurz nachdem Jutta Kuppinger in Polens Hauptstadt ankam, seien eines Nachmittags aus heiterem Himmel die Sirenen losgegangen. Fußgänger und Autos hielten an und verwirrt blieb auch sie stehen, ohne eine Ahnung, worum es ging. Später entdeckte sie zahlreiche Blumenkränze und Grabkerzen in verschiedenen Teilen der Stadt. Es war ein 1. August, der Tag des Beginns des Warschauer Aufstands. "Die Art und Weise, wie der Jahrestag in Warschau immer noch gepflegt wird, beeindruckt mich tief", erzählt die junge Deutsche. Das nächste Mal wurde sie mit dem Aufstand schon in Museum konfrontiert. Ausländische Studenten trafen sich dort mit einigen ehemaligen Aufständischen. "Ein einmaliges Erlebnis", erinnert sich die 26-Jährige. "Viele von uns waren mehr berührt, als erwartet".Damals hätte sie nicht gedacht, dass sie noch einmal hierher kommen würde. Bis sie eines Tages, zurück in Deutschland, die Nachricht bekam, dass das Museum einen deutschen Mitarbeiter suche. Sie überlegte nicht lange. Am 1. August 2006, also wiederum am Jahrestag, trat sie ihre Stelle in Warschau an.Im Kreis der polnischen Museumskollegen sei sie sehr nett empfangen worden. "Nur am Anfang wurde ich manchmal als Exot betrachtet", erinnert sie sich. Heute sei sie einfach eine normale Mitarbeiterin mit perfekten Deutschkenntnissen. Jutta führt sogar deutsche Politiker, die auf offiziellen Besuchen in Warschau sind, durch das Museum. Zuletzt Norbert Lammert und Richard von Weizsäcker.Wiktoria, eine Rentnerin aus Warschau, ist zum ersten Mal mit ihrem Enkelkind im Museum. Dass eine Deutsche in dem Museum arbeitet, findet sie zunächst etwas erstaunlich, aber dann kann sie sich mit der Idee anfreunden. "Vielleicht kann sie ihren Landsleuten die Geschichte besser vermitteln, als wir". Sie findet es gut, dass sich junge Deutsche für die Geschichte Polens interessieren. "Das hätte ich nicht erwartet", so die Rentnerin, überlegt aber: "Ob es ihr nicht unangenehm ist, wenn sie ständig über die Grausamkeit der Deutschen erzählen muss?" Etwas verlegen blickt Wiktoria dabei auf die Wand gegenüber, an der die Kopie einer Wandschmiererei der damaligen Zeit hängt: ein Hakenkreuz an einem Galgen, mit den Worten "Deutschland kaputt" darunter. "Probleme habe ich damit keine", betont Jutta Kuppinger. "Das sind eben die Fakten. Auch die Besucher können das gut trennen." Nur einmal fragte sie eine deutsche Touristin, warum im Museum ständig über "die Deutschen" erzählt werde, denn es seien doch "die Nazis" gewesen, die diese Verbrechen begangen hatten."Jemanden wie Jutta können wir gut gebrauchen", erzählt Dariusz Gawin, der stellvertretende Direktor des Museums. "Wir wollten eine Person, die nicht nur die deutsche Sprache perfekt beherrscht, sondern auch das Land selbst gut kennt." Das verschaffe den Polen Zugang zu neuen Quellen und Ideen, so Gawin. Und Jutta mache ihre Arbeit hervorragend, lobt er die Deutsche. Denn die Recherche gehört zu ihren Hauptaufgaben. Über 60 Jahre nach dem Aufstand gibt es noch immer ungeklärte Sachverhalte und unbekannte Dokumente. Die polnischen Mitarbeiter haben hierzulande ihre Arbeit schon geleistet, jetzt suche man in Deutschland nach weiteren Erkenntnissen. Zu finden gebe es noch viel, glaubt Gawin. Über 200.000 Menschen kamen während des Aufstands ums Leben. Doch das Schicksal von Tausenden sei immer noch unklar.Am Eingang zu Museum geht Jutta jeden Tag an einer alten Litfasssäule vorbei. Dort werden ständig Flugblätter mit alten Fotos neu angeklebt. Immer wieder die gleichen Fragen: "Wer weiß, was mit - meinem Vater, Bruder, meiner Schwester, meinen Kindern - passiert ist? Zuletzt gesehen am... 1944". Viele Menschen suchen noch heute nach dem Verbleib ihrer Angehörigen. Kurz nach der Eröffnung des Museums im Jahre 2004 meldete sich wegen einer dieser Anzeigen jemand bei einer suchenden Tochter. Er hätte ihren Vater sterben gesehen und ihn sogar begraben. Damit hatte die Frau nach Jahrzehnten der Ungewissheit endlich eine Antwort bekommen.Der Aufstand ist immer noch ein Thema im polnischen Alltagsleben, das bemerkt Jutta Kuppinger ständig. Nicht nur für die ehemaligen Kämpfer, auch für die jüngeren Generationen. Besonders am Wochenende bilden sich Schlangen vor dem Museum. Am Gedenktag des Aufstands beteiligen sich sogar bekannte Rockmusiker mit Konzerten."Ein Märtyrertum möchte das Museum nicht propagieren", erläutert Jutta Kuppinger das Konzept der Ausstellung. "Der Schwerpunkt liegt auf den demokratischen Strukturen, die sich in den befreiten Stadtteilen schnell entfalten konnten", so die Deutsche. Zum Beispiel werde gezeigt, dass es gut 100 Zeitungen aller politischer Richtungen gab, in denen kontrovers diskutiert wurde, wie der nach dem Krieg zu gründende neue polnische Staat aussehen solle. Auch Kommunisten hatten damals eine eigene Zeitung. Es gab kulturelle Veranstaltungen, Theater, Konzerte, Vorstellungen für Kinder - alles hinter Barrikaden, unter Bedingungen, die immer schwieriger wurden. Diesen Teil der Ausstellung mag Jutta am meisten, sei er doch ein Lichtblick unter den zahlreichen grausamen Geschichten, die der Aufstand erzähle.In den Kellergewölben führt sie die Besucher zu einem restaurierten Abflusskanal. "Auf diesen Wegen bewegten sich die Aufständischen zwischen den Bezirken", erklärt Jutta. Heute kann man im Museum trockenen Fußes einen Teil dieser Kanäle erkunden. Jutta selbst tat dies nur einmal. Ungern erinnert sie sich daran: "Man bekommt dort in der Enge und Dunkelheit den Eindruck, nicht mehr heraus zu kommen."Vor dem Museum scheint indes die Sonne. Die Feierlichkeiten um den Jahrestag des Warschauer Aufstands werden eine ganze Woche dauern. Eine lange Schlange von Besuchern wartet auf dem Einlass in das Museum. Auf dem Hof bereiten sich junge Pfadfinder auf einen Gedenk-Gottesdienst vor. "Gott, Ehre, Vaterland" wiederholen sie im kräftigen Chor. Arbeiter installieren Lautsprecher für ein Rockkonzert. Eine ehemalige Aufständische sitzt auf einer Parkbank und beobachtet das Treiben: "Eine schöne Jugend haben wir", meint sie mit einem Lächeln.Ende
Infokasten Warschauer AufstandAm 1. August 1944 um 17 Uhr begann in Warschau eine Untergrundarmee aus etwa 50.000 meist schlecht oder gar nicht bewaffneten polnische Widerstandskämpfern den Aufstand gegen die deutschen Besatzer. In den Folgetagen gelang es den Aufständischen, ganze Sektoren westlich der Weichsel zu befreien. In Warschau waren damals nur 20.000 deutsche Garnisonssoldaten stationiert. Deshalb beauftragte Adolf Hitler zunächst die SS mit dem Kampf gegen die polnische Befreiungsarmee, die diesen mit extremer Brutalität führte. Am 6. August musste Himmler den Oberbefehl an Erich von dem Bach abgeben. Dieser begann am 13. August 1944 mit 40.000 Soldaten den Angriff gegen die Aufständischen. Am 1. September 1944 wurde die Altstadt von deutschen Truppen zurückerobert. Fast gleichzeitig drang von Osten die Rote Armee bis an die Weichsel vor, verharrte aber dort in den Stellungen. Bis heute kritisieren die Polen, dass die Rote Armee den Polen nur geringe Hilfe geleistet hätte. So mussten die Aufständischen nach schwersten Verlusten am 1. Oktober 1944 kapitulieren. Während des Aufstandes starben über 200.000 Menschen. Weitere 100.000 wurden von den Deutschen zur Zwangsarbeit verschleppt und 60.000 in Konzentrationslager deportiert. Heinrich Himmler ordnete die völlige Zerstörung Warschaus an. Als die Rote Armee schließlich in Warschau einmarschierte, war die Stadt ein unbewohnbar gewordenes Ruinenmeer.--------------------------------------------
Wenn Sie einen Artikel übernehmen oder neu in den n-ost-Verteiler aufgenommen werden möchten, genügt eine kurze E-Mail an n-ost@n-ost.org. Der Artikel wird sofort für Sie reserviert und für andere Medien aus Ihrem Verbreitungsgebiet gesperrt. Im Übrigen verweisen wir auf unsere Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) unter www.n-ost.org. Das marktübliche Honorar für Artikel und Fotos überweisen Sie bitte mit Stichwortangabe des Artikelthemas an die individuelle Kontonummer des Autors:Agnieszka Hreczuk