Ukrainische Phosphorwolke fordert weitere Opfer
Der ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko war sichtlich ungehalten. Das Verhalten der ukrainischen Behörden nach dem Eisenbahnunglück in der Westukraine entspreche "der sowjetischen Praxis", das wahre Ausmaß einer Katastrophe "herunterzuspielen" und die Bevölkerung "zu beruhigen anstatt ehrlich zu informieren." Juschtschenko besuchte den Ort der Katastrophe am Freitag. Der ukrainische Katastrophenminister Nestor Schufritsch hatte die Unglücksregion erst vier Tage nach der Katastrophe besucht. Präsident Juschtschenko forderte den Rücktritt von Transportminister Nikolai Rudkowski. Dieser habe den Transportsektor nicht unter Kontrolle, so der Vorwurf des Präsidenten.
Am Montag waren im Gebiet Lwiw 15 mit gelbem Phosphor beladene Zisternen eines Güterzuges entgleist. Sechs Zisternen brannten aus. Es entstand eine riesige Phosphorwolke, die ein Gebiet von 90 Quadratkilometer bedroht, ein Gebiet so groß wie die Insel Sylt. 11.000 Menschen sind bedroht.
Der Güterzug kam aus Kasachstan und war auf dem Weg nach Polen. Wie sich jetzt herausstellte, wurden die Sicherheitsbestimmungen nicht eingehalten. So darf Phosphor wegen der Gefahr der Selbstentzündung bei hohen Lufttemperaturen eigentlich nur nachts transportiert werden. Tagsüber müssen die Zisternen mit Wasser gekühlt werden, was nicht geschah. Ermittlungen ergaben, dass Klappen, die für den Druckausgleich in den Zisternen sorgen sollten, zugeschweißt waren. Die Zisternen, Baujahr 1978, war zudem völlig veraltet. Der Transport von gelbem Phosphor wurde in der Ukraine jetzt verboten.
Ökologen fordern Evakuierung
Bisher wurden 164 Menschen - darunter 39 Kinder und 14 Katastrophen-Helfer, die den Brand der Zisternen bekämpften - mit Vergiftungserscheinungen in Krankenhäusern behandelt. In den von der Phosphorwolke betroffenen Dörfern klagen die Menschen über einen Mangel an Mineralwasser, Kohletabletten und anderen Medikamenten. Ökologen warfen der Regierung vor, sie habe nichts für eine Evakuierung der Bevölkerung getan. Schon in den ersten Tagen nach der Katastrophe flüchteten aus Angst vor der Phosphorwolke achthundert Menschen aus den umliegenden Dörfern.
Der stellvertretende ukrainische Ministerpräsident Aleksandr Kusmuk hatte die Phosphorwolke am Dienstag noch mit dem Atom-Unglück von Tschernobyl verglichen. Das Unglück sei "ein außergewöhnlicher Zwischenfall, und wir können nicht sagen, wie sich das Ganze entwickelt", erklärte Kusmuk. Einen Tag später erklärte der Minister dann überraschend, für die Bevölkerung bestehe keine Gefahr. Die Phosphor-Konzentration in Luft und Wasser sei im Bereich der Norm. Die Menschen könnten das Wasser aus ihren Brunnen trinken. Messungen in den Dörfern unweit der Katastrophe ergaben jedoch Phosphor-Konzentrationen, die um das Zwanzigfache über der Norm lagen.