Polen

Rache aus dem Jenseits

Warschau (n-ost) - Vor 27 Jahren kämpften sie zusammen für Demokratie. Heute beschimpften sie sich gegenseitig in den Medien und sehen sich nur noch vor Gericht: Anna Walentynowicz und Andrzej Gwiazda, Legenden der Streikbewegung auf der Danziger Werft, sehen in Friedensnobelpreisträger Lech Walesa einen Verräter und Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes. Dieser wiederum versucht seit Jahren öffentlich seine Unschuld zu beweisen. Nun hat Walesa nach jahrelangen Auseinandersetzungen Geheimdienst-Akten im Internet veröffentlichen lassen, aus denen hervorgeht, dass die Geheimdienste mit gezielten Manipulationen versucht haben, die Solidarnosc-Führer gegeneinander aufzuhetzen.


Lech Walesa und sein Doppelgänger aus Wachs
Berika PartumEinst waren Lech Walesa und Anna Walentynowicz – die unlängst von Volker Schlöndorff in dem Film „Strajk – Die Heldin von Danzig“ porträtiert wurde – enge Freunde. Als Walentynowicz im August 1980 als Kranführerin von der Werft entlassen wurde, verteidigte Walesa sie leidenschaftlich. Später wurde Sie Taufpatin einer seiner Töchter. Doch das Verhältnis der beiden hat sich zu einem kalten Krieg gegeneinander entwickelt, der bislang nur Verlierer kennt.„Mit dem Verräter und Denunzianten will ich nichts zu tun haben“, wiederholt Walentynowicz wie ein Mantra. „Walesa als Held, Kämpfer - alles Quatsch. Der Sicherheitsdienst brachte ihn damals in die Werft“, ist sie überzeugt. Und der ehemalige Streikführer und polnische Präsident Walesa kontert: „Walentynowicz und das Ehepaar Gwiazda ließen sich vom Sicherheitsdienst manipulieren und verblöden.“Das Gerücht, dass ausgerechnet der Geheimdienst aus dem Elektriker Walesa den Streikführer gemacht hat, hält sich schon ewig. Vor allem die Anhänger des ultra-katholischen Radio Maryja, glauben fest daran. Zur Gruppe derjenigen, die sich nicht klar äußern wollen, aber Andeutungen machen, gehören auch die Kaczynski-Zwillinge.Hauptgrund für die Gerüchte sind offensichtlich Dokumente, die Anna Walentynowicz während ihrer Internierung im Jahre 1982 von einem Offizier des damaligen polnischen Sicherheitsdienstes bekommen hatte. Die Dokumente sollen beweisen, dass Walesa das Geld der Gewerkschaft veruntreute und über alle Aktivitäten der Solidarnosc den Sicherheitsdienst informierte. Selbst Kritiker Walesas stellen die Glaubwürdigkeit der Akten in Frage.Im Jahre 2001 wurden die über Walesa angefertigten Geheimdienstakten durch ein so genanntes  Lustrationsgericht überprüft (Lustration = Durchleuchtung). Die Richter kamen zu dem Schluss, dass es keinen Hinweis auf eine Zusammenarbeit des Arbeiterführers mit dem Geheimdienst gebe. Die einzigen Notizen seien einseitig von Sicherheitsdienstmitarbeitern geschrieben worden, sie seien also nicht glaubwürdig.Die Vorwürfe verstummten jedoch nicht. Deshalb geht Walesa nunmehr in die Offensive und veröffentlichte im Internet einen Teil seiner Akten. „Jetzt erwarte ich eine Entschuldigung von Anna“, teilte er der Presse mit. Veröffentlicht wurden über 500 von mehreren Tausend Seiten.In einem Interview mit der Gazeta Wyborcza erklärte Walesa dazu: „Ich will endlich kapieren, warum mein Sieg möglich war. Hat mir ein Engel oder der Teufel geholfen?“Nicht veröffentlichen will Walesa zunächst eine Liste von den rund 1000 Geheimdienstmitarbeitern, die auf in angesetzt worden seien. Ihm fehle die Kraft, diese zu verletzen und zu attackieren. Zudem sei jeder Fall individuell zu bewerten. „In dieser Liste sind auch Priester und sogar ein Bischof ist dabei“, gab Walesa in dem genannten Interview immerhin preis.Die veröffentlichten Akten sind im Internet unter www.lwarchiwum.home.pl einsehbar. Das meiste ist von geringem Interesse. Es handelt sich um Notizen über Walesas Tagesablauf, seine Familie und Freunde, seine Tätigkeit als Gewerkschaftsmitglied und als Vorsitzender. Einmal taucht der Name „Kaczynski“ als „gegensozialistisches Element“ auf. Es handelte sich dabei allerdings um keinen der Kaczynski-Brüder, sondern um Maria Kaczynska, die Ehefrau des Präsidenten.Größtes Interesse weckten allerdings die Notizen über den TW (Geheimmitarbeiter) „Bolek“. Hinter diesem Namen soll sich, nach den Behauptungen von Anna Walentynowicz, Walesa selbst verbergen. Die veröffentlichten Dokumente liefern aber keine Anhaltspunkte dafür. Stattdessen sind unter dem Namen „Bolek“ auch Dossiers über Walesa selbst zu finden. „Außerdem gab es insgesamt 54 verschiedene Informanten mit diesem Decknamen“, betont Walesa.In zwei Dokumenten von 1979 wird Walesa allerdings ausdrücklich als „ein operativer Kontakt“ des Sicherheitsdienstes in der Danziger Werft bezeichnet. „Ich weiß nicht, was dies zu bedeuten hat“, schreibt Wales in einem Kommentar auf seiner Homepage. Er sei zwar 1970 zweimal von der Miliz verhört worden, habe sich jedoch nicht beeindrucken lassen. „Es kann sein, dass diese Kontakte einen Grund für die Notizen abgaben“, schreibt er weiter.Die letzten Monate waren in Polen geprägt von den Auseinandersetzungen über ein von der Regierungskoalition eingebrachtes „Lustrationsgesetz“, das unter Androhung eines zehnjährigen Berufsverbotes Politiker, Journalisten und Beamte zur Offenlegung ihrer Geheimdienstkontakte zwingen sollte. Das Gesetz hatte vor dem Verfassungsgericht in wesentlichen Teilen keinen Bestand. Dass die Nutzung von Geheimdienstakten heikel ist, zeigt sich auch Anhand der Walesa-Dokumente. Es gibt Hinweise, dass viele Dokumente einfach gefälscht und Menschen ohne ihr Einverständnis als Kontakte registriert wurden.Wie Akten politisch benutzt und missbraucht werden können, zeigt die polnische Mularczyk-Affäre. Arkadiusz Mularczyk ist für die Kaczynski-Partei PiS Vertreter im Polnischen Institut für nationales Gedenken (IPN), vergleichbar mit der deutschen Birthler-Behörde. Mularczyk warf zwei Richtern des Verfassungsgerichtes, die über das Lustrationsgesetz zu entscheiden hatten, eine Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst vor. Diese Nachricht gab er an die Medien, zwei Tage bevor das Tribunal entscheiden sollte. Die Richter wurden sicherheitshalber von der Verhandlung ausgeschlossen. Kurze Zeit später stellte sich heraus, dass die Anschuldigungen vermutlich haltlos sind. Einer der Richter wurde zwar als Kontakt von einem Geheimdienstoffizier im Jahre 1977 genannt, aber bereits ein paar Monate später als „ungeeignet“ bezeichnet, nachdem er jeglichen Kontakt mit dem Geheimdienst abgelehnt hatte. Auch über den anderen Richter existiert lediglich die Notiz eines Geheimdienstmitarbeiters, dass der Richter als Kontakt registriert wurde.In der Auseinandersetzung von Walesa mit seinen Kritikern zeichnet sich weiter keine Lösung ab. Anna Walentynowicz teilte bereits mit, sie werde sich die Unterlagen nicht einmal anschauen. Für sie sei und bleibe Walesa ein Verräter, weil er sich 1989 mit Kommunisten an den Runden Tisch gesetzt habe. Ohnehin habe er vermutlich die für ihn ungünstigen Akten entfernen lassen. „Er sollte skalpiert und nicht geehrt werden“, äußerte sie sich spontan nach der Veröffentlichung. „Eine Rache aus dem Jenseits“ nennte der ehemalige Außenminister und Dissident Bronislaw Geremek die polnische Stasi-Debatte. Damit gelinge es dem untergegangenen kommunistischen Regime posthum noch einmal, Rache an der Solidarnosc zu nehmen. Info-Kasten: Streit in der Solidarnosc Im August 1980 wird auf der Danziger Werft die Entlassung von Anna Walentynowicz zum direkten Auslöser der Streikbewegung. Seit der offiziellen Gründung der Gewerkschaft „Solidarnosc“ ist Lech Walesa deren Vorsitzende (bis 1990). Im Jahre 2006 tritt Walesa aus der Solidarnosc aus, da er eine Zusammenarbeit mit der Kaczynski Partei „Recht und Gerechtigkeit“ ablehnt.Seit 1981 bilden sich innerhalb der Solidarność immer deutlicher zwei gegensätzliche Flügel heraus. Der pragmatische, intellektuelle Flügel mit Wałesa ist interessiert an einer gemäßigten Konfrontation mit den kommunistischen Machthabern. Der radikalere, national-konservative Flügel um Jan Rulewski und Andrzej Gwiazda strebt die offenere Konfrontation mit den Kommunisten an.Ein Teil der Solidarnosc nimmt 1989 am Runden Tisch an Gesprächen mit der damaligen kommunistischen Regierung teil, erreicht die Demokratisierung Polens und bietet den Kommunisten dafür eine Politik des dicken Strichs an, durch den die Aufarbeitung der kommunistischen Zeit behindert wird. Der radikale Flügel der Solidarnosc betrachtet dies als Verrat. Die Regierung um die beiden Kaczynski-Zwillinge hat das Nachholen der Aufarbeitung zu einem Kernanliegen ihrer Politik erhoben. Ende--------------------------------------------
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