Polen

Streiken oder Auswandern

Warschau (n-ost) - In Polen kursiert eine ansteckende Krankheit. Sie verbreitet sich von einer Berufsgruppe auf die andere mit enormer Geschwindigkeit und droht, das halbe Land lahmzulegen: Seit über zwei Wochen streiken die Ärzte. Lehrer folgten vergangene Woche mit ersten Warnstreiks. Und die Bahnmitarbeiter haben für den 12. Juni den Ausstand angekündigt. Die Polen streiken, weil an vielen der wirtschaftliche Aufschwung des Landes vorbeigeht und aus den Hoffnungen auf ein besseres Leben nichts wurde.Dorota, eine 41-jährige Allgemeinärztin, beteiligt sich in Warschau an den Streiks. Ab und zu blockiert sie mit Kollegen die Straße vor ihrem Krankenhaus, ansonsten nutzt sie die Zeit, in der sie jetzt keine Patienten empfängt, um zu Hause Englisch zu lernen. Eigentlich hat der Streik für sie schon keine Bedeutung mehr, denn ihre Entscheidung steht fest: Sie will so schnell wie möglich nach Schweden auswandern. „Eine leichte Entscheidung war es nicht“, beteuert sie. Doch von Schweden erhofft sie sich „Geld, eine größere Wohnung, Möglichkeit einer beruflichen Entwicklung. Und dass ich meinen Kindern das Medizinstudium nicht abrate, falls sie es mal studieren wollen.“ Nun büffeln sie und ihr Mann sowie die beiden Kinder Englisch. Kurse in Schwedisch werden von den dortigen Arbeitsgebern angeboten.


Polnische Schaffnerin
Andreas MetzAb in den Norden. Es ist ein Weg, den vor Dorota schon 5000 andere polnische Ärzte eingeschlagen haben. Besonders nach dem EU-Beitritt Polens 2004 nahm die Emigration sprunghaft zu. Die beliebtesten Länder: Großbritannien und Schweden, gefolgt von Irland und Deutschland. Zurück blieb in Polen ein Ärztemangel, der bei besonders seltenen Fächern wie Anästhesiologie bereits zu kritischen Engpässen geführt hat. Nach Angaben von Ärztevereinigungen wanderten bereits 14 Prozent der polnischen Spezialärzte ab.Und der Nachwuchs wird die Lücken kaum füllen: An den medizinischen Universitäten gibt derzeit jeder zweite Student an, dass er direkt nach dem Studium ins Ausland will. Hauptgrund sei das Geld, sagen die Ärzte. Im Durchschnitt verdienen sie in Polen etwa 800 Euro monatlich. Ungefähr 200 Euro mehr, als der Durchschnittsverdienst. Am Anfang ihrer Karriere müssen sich  Mediziner mit 300 Euro abfinden. Jetzt fordern die Ärzte eine saftige Gehalterhöhung: ein Absolvent sollte etwa 1300 Euro, ein Arzt mit Spezialisierung etwa 2000 Euro bekommen. Polnische Mediziner berufen sich dabei auch auf ihre westeuropäischen Kollegen.Eine der bekanntesten Tageszeitungen in Polen veröffentlichte vor kurzem einen Bericht, nachdem ein Arzt in Deutschland im Schnitt 4000 Euro verdient, ähnlich wie ein Lehrer. Solche Nachrichten, auch wenn sie nicht immer der Wahrheit entsprechen, vergrößern die Enttäuschung vieler Menschen in Polen. Offiziell entwickelt sich die Wirtschaft in Polen dank der vielen EU-Milliarden derzeit so schnell, wie seit zehn Jahren nicht mehr. Und trotzdem – immer mehr Polen sehen schwarz für die Zukunft.Seit dem EU-Beitritt wanderten nach offiziellen Zahlen über 200.000 Polen aus. In Wirklichkeit dürfte die Zahl eher bei zwei Millionen liegen. Die Arbeitslosenquote sank auch deshalb unter 14 Prozent, Fachkräfte fehlen im ganzen Land. Besonders die Baubranche ist davon betroffen. Hilfsarbeiter und Handwerker können im Westen ein Mehrfaches verdienen. Genau wie Ärzte.Während die Privatwirtschaft gezwungenermaßen mit den Löhnen nach oben geht, um nicht den Betrieb einstellen zu müssen, hinkt der Staat völlig hinterher.Dorota arbeitet in einer staatlichen Klinik und ist Allgemeinärztin. Mit dieser Spezialisierung hat sie nur geringe Chancen, in einem privaten Ärztehaus unterzukommen. Dort verdient man schon jetzt recht gut. Aber solche Verträge bekommen nur wenige Spezialisten. Auch deshalb bessern in Polen immer mehr Ärzte ihr Budget mit Schmiergeld auf, wie eine Untersuchung der Batory Stiftung für Demokratie nachweist. Wer schnell behandelt werden will, muss dann eben zahlen.In der dritten Woche des Streiks haben bereits 217 Krankenhäuser in ganz Polen die Arbeit zeitweise eingestellt, von weiteren 65 wird ebenfalls Streikbereitschaft gemeldet. Die Ärzte werden auch durch die Krankenschwestern und Pfleger unterstützt. Teilweise haben ganze Belegschaften geschlossen gekündigt: In der Region Podkarpacie im Süden waren es 270 Ärzte, bereit dazu sind angeblich 600 weitereFür eine grundlegende Reform gäbe es kein Geld, antwortet die Regierung. Die einzige Chance sieht sie in einer weiteren Privatisierung des Gesundheitssektors – für viele Polen eine Horrorvorstellung. „Eine klare Provokation und der Versuch der Regierung, die Gesellschaft gegen die Ärzte aufzuhetzen“, regt sich Krzysztof Bukiel, der Vorsitzende der polnischen Ärztegewerkschaft, auf.Die Warschauer Rentnerin Krystyna wartet seit Monaten auf genaue Informationen, wann für sie ein Behandlungstermin frei wird. „Nach zwei Operationen muss ich regelmäßig zur Kontrolle, sagte mein Arzt. Wie soll das nun gehen? Auf den Termin warte ich schon seit September und jetzt höre ich im Fernsehen, die Ärzte würden gar nicht arbeiten!“, klagt sie. Nur in lebensbedrohliche Situationen werden noch Patienten aufgenommen. Knochenbrüche gehören noch dazu, Verstauchungen oder grippale Infekte nicht. Krystyna, obgleich chronisch krank, wird nicht empfangen. Das ganze Leben lang hat sie Krankenkassenbeiträge bezahlt, jetzt lebt sie von 200 Euro monatlich. Einen privaten Arzt kann sie sich nicht leisten. Allein für Medikamente gibt sie bis zu einem Drittel ihrer Rente aus. Und jetzt soll sie noch tiefer in die Tasche greifen? „Warum muss es mir noch schlimmer gehen, damit es den Ärzte besser geht“, fragt sich Krystyna. „Aber unsere Proteste würde sowieso niemand wahrnehmen.“Die Welle der Unzufriedenheit erfasst das ganze Land. Nach den Ärzten wollen jetzt auch die Lehrer bessere Konditionen. Sie kämpfen zudem für das Recht, mit 55 in Rente gehen zu dürfen. Falls die Gespräche mit dem Bildungsministerium nichts bringen, kündigen sie schon jetzt einen richtigen Streik für September an, wenn die Sommerferien in Polen zu Ende sind. Zudem könnte es für viele Polen Schwierigkeiten geben, überhaupt mit dem Zug das Ferienziel zu erreichen. Am 12. Juni werden im ganzen Land die Züge stehen. Denn dann beginnen auch die Bahnmitarbeiter mit einem ersten Warnstreik.Ende---------------------------------------------------------------------Wenn Sie einen Artikel übernehmen oder neu in den n-ost-Verteiler aufgenommen werden möchten, genügt eine kurze E-Mail an n-ost@n-ost.org. Der Artikel wird sofort für Sie reserviert und für andere Medien aus Ihrem Verbreitungsgebiet gesperrt. Im Übrigen verweisen wir auf unsere Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) unter www.n-ost.org. Das marktübliche Honorar für Artikel und Fotos überweisen Sie bitte mit Stichwortangabe des Artikelthemas an die individuelle Kontonummer des Autors:Agnieszka Hreczuk


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