Gefangen am Schwarzen Meer
Deutschen Wissenschaftler forschten in Abchasien für die sowjetische Atombombe
Moskau/Sinop (n-ost) - Der junge Mann in der Eingangshalle der Geheimdienst-Zentrale von Abchasien sieht dem russischen Präsidenten Wladimir Putin in Jugendjahren verdammt ähnlich: blond, etwas schmächtig, ein scharfer, aufmerksamer Blick. Als wir uns in Suchumi, der Hauptstadt der von Georgien abgespaltenen aber international nicht anerkannten Republik Abchasiens, treffen, sagt er kein Wort. Mit einer Kopfbewegung bedeutet er uns, mitzukommen. Wer das immer noch streng geheime "Physikalisch-Technische-Institut" besuchen will, in dem nach dem Krieg der deutsche Forscher Manfred von Ardenne arbeitete, braucht einen Begleiter des Geheimdienstes. In Abchasien, einer von Georgien abgespaltenen Provinz, heißt dieser immer noch KGB.
Per Sammeltaxi geht es nach Sinop, einem kleinen Ort südlich von Suchumi. In einem umgebauten Erholungsheim forschten hier von 1945 bis 1955 insgesamt 106 deutsche und 81 sowjetische Wissenschaftler unter der Leitung von Ardenne. Man forschte an Verfahren zur Trennung von Uran-Isotopen. Ziel war die Gewinnung von Uran 235, dem Brennstoff für die Atombombe.
Hinter diesem Zaun forschte Ardenne nach dem Brennstoff für die Atombombe.
Ulrich Heyden
Ardenne stand auf der Liste der deutschen Atom-Experten, welche die Sowjets nach dem Krieg unbedingt in ihr Land holen wollten. Der Wissenschaftler, der sich in Berlin-Lichterfelde ein Privatinstitut aufgebaut hatte, forschte bereits seit 1942 im Auftrag des Reichspostministeriums an der Isotopen-Trennung. Als Rotarmisten das Ardenne-Institut Anfang Mai 1945 umstellten, erklärte der Forscher in einem Brief an Stalin: "Mit dem heutigen Tag stelle ich der sowjetischen Regierung sowohl meine Institute als auch mich zur Verfügung."
750 Kisten aus Berlin
Wenn man von Suchumi nach Sinop fährt, hat man rechterhand einen Blick auf das Schwarze Meer, linkerhand reihen sich wie an einer Perlenkette Sanatorien, umgeben von Palmen und Mandarinenbäumen. Nach zehn Minuten Fahrt erreichen wir Sinop. Obwohl das einst riesige Institut - zu Hochzeiten arbeiteten hier 4.000 Menschen - langsam zerfällt, ist immer noch alles streng geheim. Nach einigem Warten betreten wir das Hauptgebäude, ein ehemaliges Erholungsheim aus rosa Tuffstein. Ob wir das Arbeitszimmer von Ardenne sehen können? Irina, die Pressesekretärin, ziert sich. "Aber bitte keine Photos". Der große Raum im zweiten Stock ist völlig leer. Von der Decke und den Wänden fällt der Putz. In einem der wenigen noch intakten Räume ist die Bibliothek untergebracht. Hier stehen meterweise deutsche Physik- und Chemie-Fachbücher. Das gesamte Inventar von Ardennes Berliner Institut - unter anderem ein 60 Tonnen schwerer Teilchenbeschleuniger - hatte man im Sommer 1945 in 750 Kisten verpackt und nach Sinop geschafft. Mit dabei waren auch die Privat-Möbel von Ardenne.
Klassische Musik gegen das Heimweh
Das Institut und die Wohngebäude waren nach dem Krieg mit zwei Stacheldrahtzäunen umgeben, erinnert sich Thomas von Ardenne, ein 1943 geborener Sohn des Forschers, der damals in Suchumi auf die Puschkin-Schule ging. "Wenn man den Draht berührte, gab es einen Knall. Das war ein akustisches Warnsignal für die Wachmannschaft". Eine zeitlang liefen auch Hunde an Laufleinen am Zaun entlang. Einige ältere Herrschaften, die zum Teil heute noch im Institut tätig sind, können sich gut an die Familie Ardenne erinnern. Der deutsche Forscher, der im Alter von 38 Jahren nach Sinop kam, muss ein energischer, arbeitsbesessener Mann gewesen sein.
Jefim Aleksejewitsch, Nona Jakowlewna, Rewas Schwangiradse (von links nach rechts) - ehemalige Kollegen von Ardenne während seiner Zeit in Abchasien.
Ulrich Heyden
"Im Schlafzimmer stand ein Mikroskop", erinnert sich Nona Jakowlewna. Die heute 82-jährige Ärztin wurde mehrmals zu den Ardennes gerufen. Sie musste der Tochter Beatrice von Ardenne - damals ein junges Mädchen - Chinin-Spritzen gegen Malaria geben. "In der Eingangshalle des Wohnhauses stand ein Flügel und eine Ritterrüstung", erinnert sich die Russin.
Die Abschirmung des Instituts von der Außenwelt machte den Deutschen schwer zu schaffen. Sie wussten ja noch nicht einmal, wann sie wieder in die Heimat durften. Briefe wurden streng zensiert. Da kamen Depressionen auf, erinnert sich der Forscher in seinen Memoiren.
Ardenne hatte gute psychologische Fähigkeiten und versuchte, die Situation aufzulockern. Für die Kinder besorgte er einen Esel zum Spielen und für die Erwachsenen organisierte er Schallplatten- und Tanzabende. In seinen Memoiren erinnert er sich an so manchen aufregenden Moment, etwa als die Deutschen in dem Park vor dem Institut einem Schubert-Lied lauschten - Da sang jemand von zwei Grenadieren, die aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückkehrten. Jefim Aleksejewitsch, ein heute 78-jähriger russischer Wissenschaftler, der immer noch im Institut arbeitet, hat an diese Tanzabende ganz besondere Erinnerungen. Er hielt sich an die schöne deutsche Laborantin Hanna-Lora. Schmunzelnd berichtet er: "Sie sah aus wie Barbie, war allein stehend und tanzte sehr gerne."
"Zweckmäßigste Ausnutzung der Deutschen"
In internen sowjetischen Papieren war die Rede von der "besten und zweckmäßigsten Ausnutzung" der Deutschen. Man versuchte die Internierten aber bei guter Stimmung zu halten. "Sie hatten alles, was sie wollten", meint Nona Jakowlewna. Jede Forscher-Familie bekam eine Hausangestellte und ein Kindermädchen. Und die Deutschen wurden gut bezahlt. Ein russischer Doktorand bekam 150 Rubel, Ardenne verdiente im Monat 10.500 Rubel. Es gab genug zu Essen und die Internierten konnten sogar Fresspakete an ihre Verwandten in der Heimat schicken.
Direkt neben dem Institutsgebäude steht das verfallene Wohnhaus von Ardenne.
Ulrich Heyden
Bald konnten sich die Internierten Autos kaufen. Besonders beliebt war der "Pobeda", das berühmte sowjetisches Nachkriegs-Auto. Mit den Autos machte man Ausflüge in die nahegelegenen Berge, die bis auf 4.000 Meter ansteigen. Allerdings war dies immer nur mit offiziellen "Begleitern" möglich. David Arschba war ein solcher: "Jeden Tag nach 17 Uhr machten sie einen Ausflug, egal bei welchem Wetter." Wenn die Wissenschaftler irgendwo einkehrten, mussten die "Begleiter" am Nachbartisch sitzen. Die Kinder der Deutschen durften man nicht auf den Schoß nehmen, was David sehr ärgerte, weil er die kleine Dagmar Scheffel, das Kind eines Forschers, so gern hatte. Ardenne sprach schlecht Russisch, erinnert sich Arschba, seine Frau Bettina dagegen ohne Akzent. David begleitete sie zum Einkaufen auf den Markt in Suchumi.
"Spione" und "Saboteure"
Der 79-jährige Wissenschaftler Rewas Schwangiradse arbeitete im Geheim-Institut mit Natur-Uran. Über ein Vakuum-Dampf-Verfahren versuchte man Uran-Isotopen zu trennen. "Ziel war es Uran 235 für die Atombombe zu bekommen", berichtet der gebürtige Georgier, der aus Russland für seine damalige Arbeit heute eine Rente von umgerechnet 85 Euro bezieht. "In der Anfangszeit wusste man nicht, dass das gefährlich ist. Es wurde alles mit den Händen angefasst", erinnert sich die Ärztin Nona. "Später wurde das dann geändert." Einen ernsthaften Strahlenunfall gab es angeblich nicht, doch einzelne Mitarbeiter litten in Folge der Strahlenbelastung an Gelenk-Arthritis, so die Ärztin. Die Umgebung des Instituts wurde vom KGB weiträumig nach Spionen durchkämmt und die Mitarbeiter in Sinop wurden scharf überwacht. "Unter den Deutschen gab es auch schlechte Leute, die dann verhaftet wurden", erinnert sich Nona Jakowlewna. Der Georgier Rewas berichtet von einem Laborleiter, den man "Dr. Ikert" nannte: "Er wurde wegen Verdacht auf Sabotage nachts verhaftet und weggebracht."
Manfred von Ardenne leitete nach seiner Rückkehr in die DDR ein Privatinstitut mit 500 Mitarbeitern. Es war das einzige Privatinstitut der DDR überhaupt. Unter der Regierung Walter Ulbrichts wurde das Institut gefördert, unter Honecker drohte ihm immer wieder die Verstaatlichung. Ardenne selbst war Volkskammerabgeordneter und Vorzeige-Wissenschaftler der DDR. Er gehörte zur offiziellen Elite, drängte aber vorsichtig auf Reformen. Der bekannte Forscher starb am 26. Mai 1997 im Alter von 90 Jahren. Seinen alten Arbeitsplatz am Schwarzen Meer hat er nie wieder besucht.
Kasten 1
Die Sowjetische Bombe
Unmittelbar nach Kriegsende, am 21. Mai 1945 flog Manfred von Ardenne zusammen mit seiner Frau Bettina nach Moskau. Man hatte dem Forscher den Aufbau eines für die Sowjetunion arbeitenden Instituts mit dem Forschungsschwerpunkt Elektronenphysik und magnetische Isotopentrennung angeboten. Aus den für zwei Wochen geplanten Verhandlungen wurden dann zehn Jahre. Die Generäle, die ihn in Moskau betreuten, stimmten den Forscher auf eine neue Aufgabe ein. Man erwartete - so Ardenne in seinen Memoiren -, dass er sich dem sowjetischen Atombomben-Programm zur Verfügung stelle. Widerrede sei zwecklos. Wenige Tage nachdem die Amerikaner eine Atombombe über Hiroshima abgeworfen hatten, rief der Leiter des sowjetischen Atombomben-Projekts, Geheimdienstchef Lawrenti Beria, Ardenne zu sich. Soviel bisher bekannt ist, wollte Beria den deutschen Forscher für eine führende Stellung beim Atombomben-Projekt gewinnen. Ardenne erklärte jedoch, er sei nur bereit am atomaren Brennstoff zu forschen. Die ehrenvolle Aufgabe, eine Atombombe zu bauen, überlasse er den sowjetischen Wissenschaftlern. Beria willigte ein.
Insgesamt 10.000 sowjetische Ingenieure und Forscher - verteilt auf 52 Institute, Labore und Konstruktionsbüros arbeiteten ab September 1946 am Projekt der Atombombe. Eine Schlüsselrolle spielten rund 300 deutsche Spezialisten, die an drei verschiedenen Orten forschten (zwei Institute am Schwarzen Meer, eines in Moskau). Wichtige Impulse kamen auch von sowjetischen Spionen, wie Klaus Fuchs. Sie übermittelten Informationen aus englischen und amerikanischen Labors. Am 29. August 1949 stieg dann in der kasachischen Steppe bei Semipalatinsk ein gewaltiger Atompilz auf. Die erste sowjetische Atombombe war gezündet. Für den Bau dieser Bombe hatte man nicht das von Ardenne entwickelte Verfahren zur Isotopentrennung benutzt. Ardennes Forschungsergebnisse kamen allerdings bei der 1953 gezündeten ersten sowjetischen Wasserstoffbombe zum Einsatz, wie russische Atom-Wissenschaftler gegenüber dem MDR-Filmemacher Norbert Göller enthüllten. Bei der Wasserstoffbombe nutzte man Ardennes Forschungen zur Trennung des Isotops Lithium-6.
In seinen Memoiren erklärte Ardenne, seine Forschungen hätten das atomare Patt ermöglicht und damit zur Sicherung des Friedens beigetragen. Später trat er für die "totale Abrüstung" ein. Der Frieden könne nicht durch das nukleare Gleichgewicht gesichert werden, erklärte er.
Kasten 2
Der Pragmatiker
Warum Ardenne sich nicht wie viele andere Wissenschaftler vor Kriegsende in den Westen Deutschlands evakuieren ließ, sondern in Berlin blieb, ist bisher nicht eindeutig geklärt. Der Dresdner Historiker Gerhard Barkleit erwähnt ein Stasi-Dossier aus dem Jahre 1954. Demnach wollte Ardenne nach der Kapitulation eigentlich mit den Amerikanern zusammenarbeiten. Doch vermutlich fürchtete der Forscher, dass die empfindlichen Geräte bei einer Evakuierung in den Westen Schaden nehmen könnten. Außerdem war Ardenne der Meinung, dass er in der Sowjetunion bessere Forschungsmöglichkeiten habe. In seinen Memoiren schreibt er, er habe sich dann bald auch innerlich dem Sozialismus zugewandt.
Ardenne war eine höchst ungewöhnliche Persönlichkeit. Großgeworden in einer Hamburger Offiziersfamilie meldete der Schul-Abbrecher schon im Alter von 16 Jahren sein erstes Patent an. Gegenüber Militärs hatte Ardenne geringe Berührungsängste. Sein Vater arbeitete in Berlin im Kriegsministerium. Ein Großteil der männlichen Familienmitglieder hatte aktiv gedient. Eine Entwicklung von Waffen lehnte er in der Nazi-Zeit jedoch ab.
Nach seiner Rückkehr in die DDR widmete sich der Universalforscher fast gänzlich zivilen Projekten. Bekannt wurde er insbesondere durch die von ihm nach eigener schwerer Krankheit entwickelte Sauerstoff-Mehrschritt-Therapie, einer heute umstrittenen Inhalationsbehandlung für Krebsleiden. Seit den 70er Jahren geriet der agile Forscher in Konflikt mit dem zentralistischen Führungsstil der SED. Im November 1989 - vier Tage vor der Öffnung der Mauer - forderte er in einer Rede vor der Volkskammer "radikale Veränderungen" in der Gesellschaft. Ardennes Privat-Institut hatte während der Wende schwer mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen, schaffte dann aber doch den Weg in die Marktwirtschaft. Heute unterhält die "Von-Ardenne-Unternehmensgruppe", die sich zum Großteil im Besitz der Familie befindet, mehrere Forschungsinstitute mit 450 Mitarbeitern.
Kasten 3
Tiflis verdächtigt das abchasische Atom-Institut
Letztes Jahr kam das Institut in Sinop, in dem noch heute mit russischen Geldern auf dem Gebiet der Plasmaphysik und der Atomenergie geforscht wird, unversehens in die Schlagzeilen. Der Vorsitzende der Grünen Partei Georgiens, Georgi Gatschetschiladse, erklärte, er schließe nicht aus, dass das Polonium-210, mit dem der ehemalige russische Geheimdienstoffizier Aleksandr Litwinenko in London getötet wurde, "aus Suchumi nach London gelangte." Litwinenko war im November letzten Jahres in einem Londoner Krankenhaus an einer Polonium-Vergiftung qualvoll gestorben. Die Behauptung Moskaus, das Polonium käme nicht aus Russland, sei möglicherweise wahr, so der georgische Politiker, "weil man es bei Bedarf aus Abchasien beschaffen kann." Abchasien gehört offiziell immer noch zu Georgien. Beweise für die These, dass die tödliche Dosis Polonium aus dem ehemaligen Geheiminstitut in Sinop kam, konnte der georgische Politiker allerdings nicht vorlegen. In Moskau schwieg man zu dem Vorwurf. Die Pressesprecherin des Instituts erklärte, die Vorwürfe seien "politisch motiviert".
Kasten 4
Wettlauf um die Bombe
6. August 1945 - Ein US-Bomber wirft eine Atombombe über Hiroshima ab.
25. Dezember 1946 - Der erste sowjetischer Atomreaktor "F-1" geht in Moskau in Betrieb. Der deutsche Wissenschaftler Nikolaus Riehl hatte den Brennstoff entwickelt.
5. März 1947 - Manfred von Ardenne erhält einen mit 50.000 Rubel dotierten sowjetischen Staatspreis.
29. August 1949 - Erster sowjetischer Atombombentest bei Semipalatinsk (Kasachstan).
1. November 1952 - Die USA zündet auf dem Eniwetok-Atoll im Pazifik ihre erste Wasserstoffbombe.
12. August 1953 - Explosion der ersten sowjetischen Wasserstoffbombe.
31.12.53 - Manfred von Ardenne erhält den "Stalin-Preis zweiten Grades".
Literatur
Gerhard Barkleit: Manfred von Ardenne. Selbstverwirklichung im Jahrhundert der Diktaturen, Berlin, 2006
Rainer Karlsch: Hitlers Bombe, München 2005
Ende
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