Knochenklau in Budapest
Unbekannte schänden das Grab des ehemaligen ungarischen Kommunistenführers János Kádár
Berlin/Budapest (n-ost) Die Erde um die Grabstätte ist zerwühlt. Die
Marmorplatte ist entfernt. Der Sarg ist aufgebrochen. Knochen und
Schädel des ungarischen Kommunistenführers János Kádár und die Urne mit
der Asche seiner Frau sind gestohlen. Eine Botschaft haben die
Grabschänder auf dem Friedhof in der Budapester Fiume-Straße in der
Nacht zum 2. Mai auch hinterlassen. „Mörder und Verräter dürfen in
heiliger Erde nicht ruhen“, haben sie mit schwarzer Farbe an die Wand
der Ruhmeshalle der kommunistischen Arbeiter geschmiert.
Das Graffito ist eine Zeile aus einem Lied der „Nemzeti-Rock“-Band
Kárpátia, die puren Revisionismus predigt. Zentrales Thema der
rechtsextremen Szene in Ungarn ist der Trianon-Friedensvertrag von
1920. Damals verlor Ungarn zwei Drittel seines Territoriums an die
Nachbarn. Mehr als zwei Millionen Ungarn leben heute in den
Anrainerstaaten. Eine offene Wunde. „Trianon ist das Thema der Szene.
Es bestimmt ihr Fühlen, ihr Denken, ihr Handeln. Wenn es Trianon nicht
gäbe, müsste man es erfinden“, sagt Endre Bojtár, Chefredakteur der
liberalen Wochenzeitung „Magyar Narancs“. Auf der Suche nach den
Kádár-Grabschändern ermittelt eine Sondereinheit der Polizei wegen der
einschlägigen Indizien auch in der rechtsextremen Szene. Die
applaudiert den Grabschändern im Internet. „Wenn er in heiliger Erde
nicht ruhen kann, dann muss man ihn eben von dort wegbringen“, heißt es
in einem Artikel, veröffentlicht im Internet-Portal „kuruc.info“.
Geschieht ihm Recht, das ist die Haltung, die den Artikel durchzieht.
„Er hat 229 Todesurteile unterschrieben“, schreibt der Autor Gáspár
Bekes. Und er schließt mit den Worten: „Wir hoffen, dass derjenige, der
ihn ausgegraben hat, ihn irgendwo beerdigt und einen Totenpfahl in die
Erde gesteckt hat. Damit hätte Kádár seinen Platz gefunden.“
János Kádár – Hass-Objekt der 56er und Architekt des „Gulaschkommunismus“
Die Russen waren Kádárs Steigbügelhalter. Sie verschafften ihm nach dem
niedergeschlagenen Aufstand 1956 die höchste Macht im Staate. Mehr als
30 Jahre lang führte er die kommunistische Partei Ungarns. Die Rache
der Russen und seines Vasallen direkt nach dem November-Aufstand war
schrecklich. 229 Todesurteile wurden vollstreckt. Tausende wurden in
die Gefängnisse gesteckt. Ihre Familien wurden ausgegrenzt und
jeglicher Zukunftschancen beraubt. 200.000 Ungarn flüchteten ins
Ausland. Über den Aufstand zu sprechen war tabu im Kádár-Ungarn. Und
Jahrzehnte lang wussten die Angehörigen der Kádár-Opfer nicht, wo ihre
Toten begraben waren. Darauf nimmt auch der Schmäh-Artikel im
Internet-Portal „kuruc.info“ Bezug. Aber Kádár ist auch der Architekt
des „Gulasch-Kommunismus“. Er öffnete Ungarn für den Westen, machte es
zur „lustigsten Baracke im sozialistischen Lager“. Die kommunistischen
„Enkel“ wollen gar ein Denkmal für ihren politischen Helden Kádár. Eine
Forderung, die der bekannte ungarische Schriftsteller György Moldova im
vergangenen Jahr unterstützte. Er findet, dass Kádár kein „Blut an den
Händen“ hatte. Nach mehr als drei Jahrzehnten an der Macht war der
ehemalige KP-Chef 1988 zurückgetreten. Er starb am 6. Juli 1989,
weniger als ein Jahr vor den ersten demokratischen Wahlen in Ungarn im
Alter von 77 Jahren. Bis heute ist Kádár umstritten.
Reaktionen auf die Grabschändung
In Pietätsfragen allerdings gibt es unter Politikern eine
Einheitsfront. Alle Parteien im ungarischen Parlament verurteilten die
Schändung von Kádárs Grab. Ministerpräsident Ferenc Gyurcsány von den
Sozialisten sprach von einer „unmenschlichen und feigen Tat.“ Der
Fraktionsführer der Linken im Europaparlament, Francis Wurtz, sprach in
einer Presseerklärung von einer „Tat gegen die menschliche Würde“. Eine
Sondereinheit der Polizei sucht nun nach den Tätern. Nach Angaben der
linksliberalen Tageszeitung „Népszabadság“ hat sie Zeugen befragt, die
die Leichenfledderer gesehen haben wollen. Die Polizei geht von
mindestens drei Tätern aus. Mindestens einer, so vermutet sie, hat
nicht zum ersten Mal eine Leiche exhumiert. Die Kriminalisten fanden am
Tatort zahlreiche Finger- und Fußabdrücke. Die Spuren führen angeblich
auch in die Provinz. Der Friedhofswärter, der sich nach Polizeiangaben
in Widersprüche verstrickt hat, soll erneut vernommen werden. Auf
mehreren Friedhöfen wurden die Wachen verstärkt. Für Hinweise, die zur
Ergreifung der Täter führen, hat die Polizei eine Belohnung von zwei
Millionen Forint ausgesetzt, umgerechnet 8000 Euro, das ist mehr als
ein durchschnittliches Jahresgehalt. Ministerpräsident Ferenc Gyurcsány
wird nach Angaben des Regierungssprechers „ständig über die
Ermittlungen unterrichtet“. Nach Bekanntwerden der Grabschändung kamen
Budapester mit Blumen zum Friedhof in der Fiume-Straße, um den in
seiner Totenruhe gestörten János Kádár zu ehren.
ENDE
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Stephan Ozsváth