János Martonyi war IM "Marosvásárhelyi"
Der ungarische Ex-Außenminister hat ungarische Emigranten ausgehorcht.
Berlin/Budapest (n-ost) János Martonyi versteht die Welt nicht mehr. Im Radio spricht der ehemalige Außenminister der Regierung Orbán von einer "niederträchtigen politischen Kampagne". Martonyi meint einen Artikel, der in der jüngsten Ausgabe der Wochenzeitschrift "Élet és Irodalom" (Leben und Literatur) erschienen ist. Unter der Überschrift "Bekenntnisse eines Bürgers" beschreibt Autor Péter Kende das zweite Leben des János Martonyi. Des Mannes mit dem Decknamen "Marosvásárhelyi".
Das Gesellenstück von Informant "Marosvásárhelyi"
In den 60er Jahren studiert der junge János Martonyi an der Universität Szeged Jura. Er ist ehrgeizig. Und da helfen Fortbildungen im Westen. Er will nach Straßburg reisen, dort findet eine Sommeruniversität statt, die " Free Europe Summer Session". Martonyi will dorthin. Er beantragt die Ausreise. Der ungarische Geheimdienst wird auf den 20-jährigen aufmerksam. Dr. István Jójárt nimmt Kontakt zu dem angehenden Juristen auf. Jójárt ist Hauptmann in der Abteilung III/II (Spionageabwehr) der Geheimpolizei im Komitat Csongrád. In einer Aktennotiz schreibt der Führungsoffizier: "Der Informant bekam (...) nach seiner Verpflichtung die Aufgabe, genau aufzuschreiben, wie er zu der Sommeruniversität gelangte, wen er dort traf (mit genauer Personenbeschreibung), und welche Ziele und Methoden die Kurse verfolgten."
Martonyi kann ausreisen, trifft Exil-Ungarn in Straßburg. Als er zurückkommt, schreibt er auf, was er gesehen und gehört hat. Er ist gründlich. 14 Seiten lang ist der Bericht, den er seinem Führungsoffizier gibt. "Oberstes Ziel der Sommeruniversität", schreibt der Informant mit dem Decknamen "Marosvásárhelyi", "ist die ideologische Umerziehung der Studenten." Sie sollten von der "bürgerlichen Ideologie" und den angeblichen Vorzügen der westlichen Gesellschaft überzeugt werden. Mit einem Ziel: "Die sozialistischen Staaten zu diskreditieren". Das ist Musik in den Ohren des Führungsoffiziers. "Aus operativer Sicht enthalten die übergebenen Materialien interessanten Stoff bezüglich der ungarischen Emigrantenszene, ihrer Führer". Seine Beobachtungen in Bezug auf die Emigranten seien "sehr interessant".
Und die Mühe soll nicht ohne Lohn bleiben. Neben der Reise in den Westen, einem Treppchen mehr auf der Karriereleiter, bekommt "Marosvásárhelyi" Geld. Am 15. Januar 1969 notiert der Geheim-Offizier, dass er "dem Informanten gegen Quittung 600 Forint Belohnung ausbezahlt" hat.
Der Sommeruni-Spitzel
Martonyi findet Geschmack an den Auslandsreisen. Er will an einem weiteren siebenwöchigen Kurs teilnehmen. Der Führungsoffizier schreibt: "Er wollte meine Meinung hören und fragte, ob er mit "unserer" Unterstützung rechnen könne. Ich teilte ihm mit, dass er auf unsere Unterstützung zählen könne." Das Ganze wird mit einem Auftrag verbunden. Martonyi soll sich gezielt an ungarische Emigranten heranmachen und sie aushorchen. Der Auftrag seines Führungsoffiziers lautet: "Schreiben Sie I.P. einen Brief. Schreiben Sie, dass Sie als Tourist ausreisen möchten...Schreiben Sie, dass I.P. Ihnen die Adresse von I.R. schickt, damit Sie mit ihm das Reiseprogramm besprechen können. Das Ziel ist, dass Sie mit I.R. den Kontakt aufnehmen und vertiefen".
Beide Personen, die in den Akten nur mit Kürzel wiedergegeben sind, kennt Martonyi offenbar schon von seiner ersten Reise. Und wieder ist der Führungsoffizier zufrieden: "Der Informant ist aus operativer Sicht wertvoll". Er lobt die Urteilskraft von Martonyi, seine gute Allgemeinbildung. Es ist eine Art Führungszeugnis. Die nächste Westreise führt Martonyi nach London. Am City of London College belegt er Kurse zu internationalem Recht. Vor Reiseantritt trifft er sich zweimal mit dem Führungsoffizier. In einer Notiz vom 27. Juni 1968 heißt es: "Ich traf mich mit dem Informanten. Wir fuhren mit dem Auto nach Makó". Und weiter: "Ich unterrichtete ihn über seine Aufgaben und die einzunehmende Haltung. Er hieß den Plan auf Grundlage der Abteilung Nachrichtensammlung gut", vermerkt Führungsoffizier Jójárt.
Sieben Wochen verbringt Martonyi in London. Bildet sich weiter. Erklimmt ein weiteres Treppchen auf der Karriereleiter. Am 4. September kehrt er nach Ungarn zurück. Drei Tage später, abends um 19.00 Uhr tritt er zum Rapport bei seinem Führungsoffizier an. Der findet, dass Informant "Marosvásárhelyi" mit "interessantem Material" zurückgekehrt ist. Der Zuträger schreibt einen 16-seitigen Bericht. Darin berichtet er über ungarische Emigranten und seine Zeit in London. Sie hingen immer noch den "Parolen von 1956" an, schreibt "Marosvásárhelyi". Und sie verspotteten die "Internationale" als "dummes Liedchen". Am 5. April 1969 tauschen Führungsoffizier und "Informant" Abschiedsküsse aus. Martonyi geht nach Budapest. Doch der Führungsoffizier hat Trost für ihn bereit: "Ich teilte ihm mit", schreibt Jójárt in einem Bericht über das Treffen, "dass ich ihn einem Budapester Kollegen vorstellen werde, der künftig den Kontakt zu ihm halten wird...Er wehrte sich nicht. Vielmehr freute er sich, dass trotz Umzugs nach Budapest der Kontakt zu uns nicht abreißen wird".
Reaktionen auf die Veröffentlichungen
Bereits 2002 fiel der Name Martonyi im Zusammenhang mit der Affäre Medgyessy. Der wurde seinerzeit als Geheimdienstoffizier enttarnt und musste gehen. Sein Nachfolger wurde der Sozialist Ferenc Gyurcsány, der heute noch regiert. Martonyi sagte damals, er habe "nie eine Verpflichtungserklärung unterschrieben oder Vergünstigungen erhalten". Allerdings, so räumte er ein, habe es Anwerbeversuche von Seiten der Staatssicherheit gegeben. Reiseberichte seien ein Muss gewesen, um ins Ausland reisen zu können.
Das seien "definitiv keine Reiseberichte", kommentierte Historiker János Kenedi das Marosvásárhelyi-Dossier in der ungarischen Presse. Der Autor dieser Berichte sei Teil des Geheimdienst-"Netzwerkes" gewesen. "Ich bin bereit, zur Aufklärung der Vergangenheit beizutragen und jede Frage zu beantworten", tönte János Martonyi noch im Jahr 2002. Imre Mécs, der den Untersuchungsausschuss in Sachen Medgyessy seinerzeit leitete, forderte Martonyi jetzt über die ungarische Presse auf, endlich Licht ins Dunkel zu bringen. Immerhin: Im Gespräch mit dem Aktenwühler und Autor des brisanten "Élet és Irodalom"-Artikels, Péter Kende, räumte Martonyi ein, dass er die fraglichen Berichte unter dem Decknamen "Marosvásárhelyi" geschrieben hat. Weitere Akten lagern noch im Archiv der ungarischen Staatssicherheit. Die will aber keiner herausgeben. Die mitregierenden Liberalen fordern deshalb jetzt, das Gesetz über die Geheimdienstunterlagen zu reformieren. Die Ungarn müssten wissen, was Leute in führenden Positionen in der Zeit der Parteidiktatur getan hätten, heißt es zur Begründung.
Informant Martonyi macht Karriere
János Martonyi war erst kurz vor der Wende (1988) in die ungarische KP eingetreten. Er war zunächst Handelssekretär in Brüssel, danach Abteilungsleiter im ungarischen Handelsministerium. In der Vorwende-Regierung von Miklós Németh war der 63-Jährige für die umstrittenen Privatisierungen in Ungarn zuständig. Als Staatssekretär diente er im Wirtschafts- und Außenministerium. Vier Jahre lang - von 1998 bis 2002 - war er unter der rechtskonservativen Regierung Orbán Außenminister. Mitterweile ist er Mitglied der größten Oppositionspartei Fidesz.
In Martonyis Amtszeit fallen die Verhandlungen über den EU-Beitritt Ungarns, aber auch der umstrittene "Magyarenpass". Damit räumte die Regierung Orbán den Ungarn in den Anrainerstaaten Slowakei, Rumänien, Ukraine und Serbien erhebliche Rechte im "Mutterland" ein. Neben Vergünstigungen in Kultur und Bildung sieht das 2001 mit großer Mehrheit verabschiedete Statusgesetz einen leichteren Zugang der Auslands-Ungarn zum ungarischen Arbeitsmarkt vor. Heute ist Martonyi Leiter des Fidesz-Think-Tanks "Szabad Európa Központ" (Zentrum freies Europa). Er kritisierte wiederholt die aus seiner Sicht "amoralische" und "verlogene" Politik der sozialliberalen Koalition. Ministerpräsident Gyurcsány hatte in einer fraktionsinternen Rede im vergangenen Jahr zugegeben, die Wähler über den wahren Zustand von Ungarns Staatshaushalt belogen zu haben. Die Folge waren wochenlange, zum Teil gewaltsame Proteste gegen die Regierung.
ENDE
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Stephan Ozsváth