Ehemaliger ungarischer Außenminister Mártonyi war Stasi-IM
Spitzelberichte über "Radio Free Europe" und über ungarische Emigranten in DeutschlandBudapest (n-ost) - Der ehemalige ungarische Außenminister János Mártonyi hat in den 60er Jahren Berichte an den ungarischen Geheimdienst geliefert. Das belegen nach Angaben der ungarischen Literaturzeitschrift "Élet és Irodalom" (zu Deutsch: Leben und Literatur) die Akten der Staatssicherheit. Danach soll der Jurist Mártonyi während seines Studiums in der südungarischen Stadt Szeged in den 60er Jahren über die Arbeit von "Radio Free Europe" und die ungarische Emigrantenszene in Deutschland und Frankreich Berichte angefertigt haben, darunter auch über das "Haus Ungarn" in Köln. Laut Aktenlage soll er dabei besonders "engagiert" gewesen sein. Für seine Berichterstatter-Tätigkeit für die Abteilung Auslandsabwehr bekam Mártonyi Geld und Vergünstigungen, etwa während eines Studienaufenthaltes in Großbritannien."Élet és Irodalom" hatte bereits die Stasi-Verstrickungen des Regisseurs István Szabó aufgedeckt. Die Wochenzeitung ist das Leib- und Magenblatt der ungarischen Intelligenzia und Forum für Schriftsteller vom Kaliber Péter Esterházy oder Imre Kertész.Mártonyi: "Niederträchtige politische Attacke"Gegenüber der Presse gab der ehemalige Außenminister der rechtskonservativen Regierung Orbán zu, Stasi-Berichte unter dem Decknamen "Marosvásárhelyi" verfasst zu haben. Spitzel sei er allerdings nie gewesen. Um in den Westen reisen zu können, seien die Berichte Pflicht gewesen, rechtfertigt er sich. Er - Mártonyi - habe auf "höhere Anweisung hin geschrieben", wird er in der größten deutschsprachigen Wochenzeitung Ungarns "Pester Llloyd" zitiert. Die Veröffentlichung seiner Stasi-Zuträger-Arbeit bezeichnete der Fidesz-Politiker gegenüber dem Fidesz-Fernsehkanal "Hír TV" als "niederträchtige politische Attacke". Vor der Veröffentlichung des Artikels in "Élet és Irodalom" hatte er sich mit dem Autor Péter Kende getroffen, so der "Pester Llloyd" weiter. Steile Wende-KarriereJános Mártonyi war erst kurz vor der Wende (1988) in die ungarische KP eingetreten. Er war zunächst Handelssekretär in Brüssel, danach Abteilungsleiter im ungarischen Handelsministerium. In der Vorwende-Regierung von Miklós Németh war der heute 63-Jährige für die umstrittenen Privatisierungen in Ungarn zuständig. Als Staatssekretär diente er im Wirtschafts- und Außenministerium. Vier Jahre lang - von 1998 bis 2002 - war er unter der rechtskonservativen Regierung Orbán Außenminister. Mitterweile ist er Mitglied der größten Oppositionspartei Fidesz.Magyarenpass und EU-BeitrittIn Mártonyis Amtszeit fallen die Verhandlungen über den EU-Beitritt Ungarns, aber auch der umstrittene "Magyarenpass". Damit räumte die Regierung Orbán den Ungarn in den Anrainerstaaten Slowakei, Rumänien, Ukraine und Serbien erhebliche Rechte im "Mutterland" ein. Neben Vergünstigungen in Kultur und Bildung sieht das 2001 mit großer Mehrheit verabschiedete Statusgesetz einen leichteren Zugang der Auslands-Ungarn zum ungarischen Arbeitsmarkt vor. Das sorgte vor allem in Rumänien und der Slowakei für Verstimmungen. Dort wurde eine schleichende Grenzrevision befürchtet. Denn erklärtes außenpolitisches Ziel der Regierung Orbán war die "grenzüberschreitende Wiedervereinigung der ungarischen Nation". Seit dem Friedensvertrag von Trianon im Jahr 1920 leben mehr als zwei Millionen Ungarn in den Anrainerstaaten, denn der ehemalige Verbündete Deutschlands verlor zwei Drittel seines Territoriums. Mártonyis Name fiel im Zusammenhang mit der Staatssicherheit laut "Pester Lloyd" schon einmal, als im Jahre 2004 Regierungschef Péter Medgyessy als Geheimdienstoffizier entlarvt wurde und zurücktreten musste. Sein Nachfolger wurde der Sozialist Ferenc Gyurcsány. Heute ist Mártonyi Leiter des Fidesz-Think-Tanks "Szabad Európa Központ" (Zentrum freies Europa). Er kritisierte wiederholt die aus seiner Sicht "amoralische" und "verlogene" Politik der sozialliberalen Koalition. Ministerpräsident Gyurcsány hatte in einer fraktionsinternen Rede im vergangenen Jahr zugegeben, die Wähler über den wahren Zustand von Ungarns Staatshaushalt belogen zu haben. Die Folge waren wochenlange, zum Teil gewaltsame Proteste gegen die Regierung. Ungarn ist derzeit wirtschaftliches Schlusslicht in der Europäischen Union.*** Ende ***
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