Zwischen Rebellion und Realität
Von Bukarest (n-ost) - Am 28. März hat das Theaterstück „Kebab“ von Gianina Carbunariu an der Schaubühne Berlin und am 4. April in den Münchner Kammerspielen im Werkraum Premiere. Die Handlung von „Kebab“ dreht sich um drei junge Rumänen in Dublin: ein Macho, der seine Freundin zur Prostitution zwingt, und ein Filmstudent, der Pornos dreht. Statt in ein besseres Leben geraten die drei in eine Spirale der Grausamkeit. Mit ihrem temporeichen, schmerzhaft realitätsnahen Theaterstücken gilt die 29-jährige Autorin Carbunariu bereits seit einigen Jahren als große rumänische Nachwuchshoffnung. Ab 31. März wird in Leipzig Carbunarius älteres Stück „Stop the tempo“ gezeigt, es dreht sich um die Unsicherheit junger Leute im post-kommunistischen Rumänien.„Wenn man die Scheiße in den Köpfen der Leute einfach abschalten könnte, würde ich den ganzen Tag lang nichts anderes tun“, schreit Paula in “Stop the tempo” ihren neuen Freunden zu. Paula, Maria und Rolando, drei junge Rumänen, lernen sich in der betäubend lauten Welt eines Bukarester Clubs kennen. Frustriert über ihr Leben, gefangen zwischen Jobs und Langeweile, und geschüttelt von einer Identitätskrise die das ganze Land erfasst hat, suchen sie nach dem ultimativen Kick. Eine mitternächtliche Autofahrt endet mit einem Unfall, trotzdem werden die drei ein Team. Fortan ziehen sie wie unsichtbare Rächer durch die nächtliche Stadt und halten in den Clubs das Tempo an: Rein, zum Sicherungskasten und … STOP! Strom aus. Stille. Stop the Tempo! Es funktioniert so lange bis etwas passiert.
Die rumänische Theaterhoffnung Gianina Carbunariu. Foto: privatIn der temporeichen Bukarester Inszenierung beleuchten die Akteure sich oder den Raum mit Taschenlampen und schaffen so eine beklemmend intime Atmosphäre, die die Grenze zwischen Bühnen- und Zuschauerraum verwischt. Premiere hatte der expressive Text im Bukarester Club Green Hours, einem Kellerclub an der Calea Victoriei, in dem Studenten oder Absolventen der Theater- und Filmuniversität Bukarest (UNTC) inszenieren. Auch die 1977 geborene Gianina Carbunariu hat am UNTC Theaterregie studiert und mit Gleichgesinnten die Gruppe dramAcum gegründet.„Wir wollten zeitgenössische Stücke ins öffentliche Bewusstsein holen, neue Stücke junger Autoren bis 26 über brennende Themen, geschrieben in einer realitätsnahen Sprache auf die Bühne bringen“, erinnert sich Gianina Carbunariu an die Anfänge. „Aus dieser Motivation, und auch aus Mangel an zeitgemäßen Texten, entstand mein Szenarium für „Stop the Tempo“.“ Beim Schreiben hat die 29-jährige eng mit den Schauspielern zusammengearbeitet. „Text und Vorstellung entstehen bei mir im selben Moment. Das ist ein Prozess der mit viele Freiheiten gibt. Ich arbeite mit der selben Gruppe von Schauspielern seit meiner Studienzeit, und ich vertraue ihren Reaktionen auf den Text, darum ändert er sich während der Proben. Das gibt dem Text Leben, denn ich denke dass Theater keine Literatur ist.” Schon vor „Stop the Tempo“ hatte Gianina Carbunariu Stücke veröffentlicht. Radu Afrim, einer der bekanntesten Regisseure der jüngeren Generation, hatte „Honey“ als Teil einer Textcollage in Piatra Neamt auf die Bühne gebracht. Mit „Irealitati din Estul Salbatic Imediat“ (Unwirklichkeiten aus dem Nahen Wilden Osten) gewann Gianina Carbunariu vor sieben Jahren einen nationalen Stückewettbewerb, organisiert vom Rumänischen Kulturministerium. Der Text wurde publiziert, „geholfen hat das wenig“, bedauert die junge Autorin die anhaltende Ignoranz der großen Bühnen: „Obwohl das Stück drei Regisseuren an Stadttheatern angeboten wurde, tat sich bisher nichts.“Gianina Carbunariu vermutet Vorbehalte gegenüber jungen Textern an den Stadttheatern, denn deren Anti-Helden sprechen eine manchmal rüde, aber nie geschwätzige Sprache. Sehen kann man die Stücke junger Autoren in Bukarest daher vor allem im Club Green Hours und im Schauspielstudio Casandra der Theaterhochschule.
Im Teatrul Foarte Mic zwischen Piata Rosetti und der Universität gelegen, inszenierte Gianina Carbunariu im März “Sado Maso Blues Bar“ von Maria Manolescu. Auch ihr neuestes Stück die „mady-baby.edu“ (deutscher Titel “Kebab”) hatte 2005 dort Premiere. Es handelt von drei jungen Leuten, die ihr Lebensglück in Irland suchen.Geboren wurde das Stück mit dem Ziel, „etwas über Menschen zu schreiben, die überzeugt sind, nicht mehr in Rumänien leben zu können“, erklärt die Autorin. Sie selbst lebt weiter in diesem „chaotischen Land“, dem vor allem junge Leute den Rücken kehren.Nun kann sich Gianina Carbunariu gleich über drei Aufführungen ihrer Stücke an renommierten deutschen Bühnen freuen. Am 28. März hat „Kebab“ Deutschlandpremiere an der Berliner Schaubühne, es folgen ab 4. April Aufführungen an den Münchener Kammerspielen. „Stop the tempo“ wurde schon in Frankreich und Deutschland inszeniert und hat am 31. März in Leipzig am Theater der Jungen Welt Premiere. Gute Zeiten also für die 29. Jährige, die gerade ihre Dissertation schreibt und an der Theaterhochschule Playwriting unterrichtet.
Mit ihrem temporeichen, schmerzhaft realitätsnahen Theater feiert die junge rumänische Autorin Gianina Carbunariu bereits auf der THEATERBIENNALE 2004 mit „Stop the Tempo“ einen großen Erfolg. Gianina Carbunariu wurde 1977 in Piatra Neamt geboren und studierte Schauspielregie an der Nationalen Theater- und Filmakademie in Bukarest. Seit 2002 führt sie an verschiedenen Theatern in Bukarest Regie und hat Stücke von Matei Visniec, Havar Sigurjonsson, Franz Xaver Kroetz aber auch junger rumänischer Autoren inszeniert. 2000 legte sie ihr erstes Stück, „Unwirklichkeiten aus dem Nahen Wilden Osten“, vor, das den Ersten Preis beim Nationalen Drama-Wettbewerb gewann. Ihr zweites Stück, „Honig“, wurde 2002 in Piatra Neamt uraufgeführt und auch in der Schweiz gezeigt.*** Ende ***-----------------------------------------------------------------------
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