Polen

Straßburg verurteilt polnische Abtreibungspraxis

Warschau (n-ost) - Ihre Tochter Julia, ist jetzt sechs Jahre alt. Alicja Tysiac liebt sie sehr. Wenn sie jedoch selbst hätte entscheiden können, wäre ihre Tochter nie auf die Welt gekommen. Der polnische Staat ließ Alicja Tysiac, anders als im Gesetz vorgesehen, keine Wahl. Darum entschloss sie sich, am Europäischen Gerichtshof in Straßburg für ihre Rechte zu kämpfen – und gewann. Als sie im Jahr 2000 von einem Arzt erfuhr, dass sie erneut schwanger war, traf Alicja Tysiac eine schwere Entscheidung: das Kind würde sie nicht bekommen. Die damals 30-jährige Polin hatte bereits zwei Kinder und ernsthafte, gesundheitliche Probleme. Alicja Tysiac war stark kurzsichtig. Eine weitere Schwangerschaft könnte sie das Augenlicht kosten, warnte sie der Arzt. Alicja Tysiac war am Boden zerstört. Sie hatte alles getan, um eine solche Situation zu vermeiden, betont sie immer wieder. Das Kondom habe versagt. Die Abtreibung war für sie die vernünftigste Lösung.Das polnische Abtreibungsrecht von 1993 ist eines der strengsten in Europa. Es erlaubt den  legalen Schwangerschaftsabbruch nur in Ausnahmefällen. Dazu gehört die Gefährdung des Lebens und der Gesundheit der Mutter durch die Geburt oder ein schwerer Defekt des Kindes. Auch eine Schwangerschaft nach einer Vergewaltigung darf abgebrochen werden. Da ihr Fall zu den im Gesetz benannten Ausnahmen zählte, dachte Alicja Tysiac im Jahr 2000, die Abtreibung sollte kein Problem sein. Sie war noch nicht in der vierten Woche schwanger, als sie sich entschied. Mit der Entscheidung begann für Alicja Tysiac ein Martyrium. Zwei Augenärzte verweigerten ihr ein Attest über eine mögliche Erblindung durch die Geburt. Als sie das Attest nach mehreren Wochen doch bekam, fand sie in den staatlichen Krankenhäusern keinen Frauenarzt, der die Abtreibung durchführen wollte.Als letzte Möglichkeit blieben Privatärzte, die in polnischen Zeitungen mit dem verschlüsselten Hinweis „Regulierung der Monatsblutung“ für sich werben. Die Preise in den privaten Kliniken waren jedoch für Alicja Tysiac zu hoch. Sie brachte ihre Tochter zur Welt. Nach der Geburt platzten Blutgefäße in ihren Augen, die Netzhaut löste sich ab. Eine Notoperation konnte gerade noch Reste ihres Augenlichtes retten. Sie kann noch etwa 1,50 Meter weit sehen.Gemeinsam mit ihren Kindern wohnt Alicja Tysiac heute in einer Einraumwohnung. Die 36-jährige wurde in die erste Invaliditätsgruppe eingestuft, jegliche körperliche Anstrengung, inklusive selbstständiger Betreuung der eigenen Kinder, wurden ihr ärztlich verboten. Vom Staat bekommt sie eine Rente in Höhe von 1000 Zlotys (ca. 250 Euro) im Monat.Im Jahr 2005 reichte sie eine Klage gegen den polnischen Staat am Europäischen Gerichtshof in Straßburg ein. In ihrer Klageschrift weist sie darauf hin, dass die polnischen Behörden ihr das Recht auf Abtreibung nicht ermöglichten und damit ihr Leben gefährdet hätten. Am 20. März wurde der polnische Staat zu einer Zahlung von 25.000 Euro und zur Übernahme der Prozesskosten verurteilt. Die verweigerte Abtreibung habe die Europäische Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten verletzt, urteilten die Richter.Seit Einführung des strengen Abtreibungsgesetzes 1993 sei die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche in Polen deutlich gesunken, behauptet die Warschauer Regierung. Im Jahre 2005 hätte es nur 225 Abtreibungen gegeben, darunter 54 wegen Gefährdung der Gesundheit der Mutter. Wanda Nowicka von der  „Föderation für Frauen und Familienplanung“ in Warschau, eine unabhängige Nichtregierungsorganisation, die Alicja Tysiacs Fall bekannt machte, zweifelt die offiziellen Zahlen an. Nach der Gesetzesänderung sei die Abtreibung in den Untergrund zurückgekehrt. Frauen, die es sich leisten könnten, gingen in private Kliniken oder ins Ausland. Andere ließen sich unter gefährlichen Bedingungen von unbefugtem Personal behandeln. Gleichzeitig habe die Zahl der ausgesetzten oder getöteten Säuglinge zugenommen. Joanna Seynyszen, sozialdemokratische Parlamentsabgeordnete, schätzt die Zahl der illegalen Abtreibungen in Polen auf 80.000 bis 200.000 jährlich.
 
Jüngst nannte Polens Bildungsminister Roman Giertych von der rechtsextremen Liga der Polnischen Familien (LPR) bei einem EU-Treffen in Heidelberg Abtreibung eine „neue Form der Barbarei“, die europaweit verboten werden müsse. Giertychs Partei und die Kreise um den ultra-katholischen Sender Radio Maryja versuchen sogar die noch gebliebenen Ausnahmen aus dem Abtreibungsgesetz zu entfernen. Das Leben solle von der Empfängnis an rechtmäßig geschützt werden. Polens parteiloser Gesundheitsminister Zbigniew Religa lehnt Zuschüsse für Verhüttungsmittel ab. Sex und Schwangerschaft solle nicht als Krankheit betrachtet werden, die Pille sei also kein medizinisches Mittel und ihre Einnahme nicht von der staatlichen Kasse mitzufinanzieren.Der Geburtenrate haben die politischen Versuche, Polens Frauen zu mehr Geburten zu zwingen, bislang zu keinem Anstieg verholfen. Nach den Zahlen von 2006 kommen 1,25 Geburten auf jede Polin. Eine Rate, die mit Deutschland vergleichbar ist und zu den schlechtesten in Europa überhaupt gehört. Pränatale Untersuchungen, durch die missgebildete Föten erkannt werden könnten, sind in Polen nur schwer zu bekommen. Aus Angst vor Risikoschwangerschaften vermeiden es vermutlich viele Frauen, überhaupt schwanger zu werden. Die Zahl der Neugeborenen mit Behinderung ist in Polen im Europavergleich am höchsten.   Auf einer Pressekonferenz, gleich nach der Urteilsverkündung in Straßburg fragten polnische Journalisten Alicja Tysiac, was sie heute machen würde, wenn sie wieder schwanger wäre. Sie antwortete mit fester Überzeugung: „Ich würde abtreiben. Auch wenn ich meine Tochter genauso liebe, wie die zwei älteren Kinder“. *** Ende ***-----------------------------
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