Energie aus dem Misthaufen
Muster-Öko-Betriebe in Ungarn setzen auf Biogas. Damit könnte zukünftig der Energiebedarf des ganzen Landes abgedeckt werden. Nyírbátor (n-ost) - „Batorcoop“ - der Schriftzug der ehemaligen LPG hängt noch über dem Eingang zur Firma „Batortrade“ in Nyírbátor, im Dreiländereck Ungarn-Rumänien-Ukraine. Über eine kleine Straße kommt man zu den Ställen. Es regnet. Die Erde ist schlammig. Es stinkt nach Gülle. Die rund 2000 schwarz-weiß-gefleckten Rinder stehen im Stall. Glotzen. Kauen. Produzieren Gülle. Glotzen. Kauen. Produzieren Gülle. Immer wieder. Ihr Futter wächst auf 4000 Hektar Feldern ringsum. 340 Kubikmeter Sondermüll pro Tag Ein paar Hundert Meter weiter steht der Geflügelschlachthof. Männer und Frauen mit Haarnetz und weißem Kittel ackern hier bei Diskothekenlautstärke. Es stinkt nach totem Geflügel und nassen Federn. Eine Hühner-Prozession wandert durch die Hallen – die Haken, an denen das Geflügel kopflos hängt, geben den Takt vor: Ein bizarrer Totentanz. 14.000 Hühner werden hier jeden Tag gerupft, geköpft, ausgenommen, verpackt, tiefgefroren.Die Hinterlassenschaften der Rinder und die Schlachtabfälle waren jahrelang ein Problem. „Sondermüll“, sagt Bator-Trade-Chef Mihály Petis. Die Entsorgung kostet 42 Euro pro Tonne, rechnet der Unternehmer vor. Insgesamt 340 Kubikmeter Gülle, Pflanzenreste und Schlachtabfälle fallen jeden Tag im Betrieb an. Ein geschlossener KreislaufEines Tages hatte Mihály Petis die Nase voll, besorgte sich selbst acht Millionen Euro und investierte. Zwei Drittel der Gesamtkosten übernahm der ungarische Staat. Der Unternehmer zeigt auf die Faultürme in einer ehemaligen LPG-Lagerhalle – ein Hauch von Gülle und totem Geflügel liegt auch hier in der Luft. „Hier kippen wir die Gülle rein, Pflanzenreste von den Feldern und die Schlachtabfälle“, erklärt Petis. Das Ganze wird dann zu Biogas vergoren. „Mit 70 Prozent Methan-Gehalt ist das eine gute Ausbeute“, sagt er zufrieden. Was nach zehn Tagen Gärung auf dem Grund der Techno-Mägen übrig bleibt, ist ein nährstoffhaltiger Power-Dünger. Der landet wieder auf den Feldern. „Ein geschlossener Kreislauf“, sagt Petis.
Hühnerschlachthof in Nyírbátor. Foto: Stephan OzsváthBiomasse und Biogas – Zukunftstechnologie für AgrarstaatenDie Technik von Batortrade kommt aus Deutschland. Die Wartung machen Österreicher. „Das Gas wird in einem Gasmotor verbrannt“, erzählt Petis, „und mit dem erzeugten Strom wird das Wasser im benachbarten Geflügelschlachthof erhitzt.“ Und nicht nur das. „Nyírbátor hat 14.000 Einwohner. Und alle bekommen den Strom von uns“. Mit dem Verkauf von Strom, Biogas und den Gebühren für die Verarbeitung des Agrarmülls anderer hat Batortrade im vergangenen Jahr knapp 700.000 Forint Gewinn gemacht (2.800 Euro). Ein Anfang.„Wir haben im Moment eine Kapazität von 20.000 Kubikmeter täglich, die wollen wir bis Jahresende erhöhen auf 30.000“, sagt Petis, der dafür noch einmal Investitionen aufstocken will. Geplant sind verschiedene Silos, sechs Container, eine Müllverarbeitungsanlage und vier zusätzliche Fermenter für die Produktion von Biogas. Derzeit kann die Pilotanlage bis zu vier Megawatt Strom produzieren. Für das Einspeisen von „grünem Strom“ gilt in Ungarn derzeit ein Festpreis. Er lag im Herbst 2006 noch bei 8,5 Cent pro Kilowatt-Stunde. Herkömmlicher Strom vom Großhändler MVM war schon für fünf Cent zu haben. Aktuell wird allerdings neu über die Preise verhandelt. Zweite Biogas-Anlage startetDas Pilotprojekt Batortrade Kft. – 2003 mit dem Innovationspreis der ungarischen Regierung ausgezeichnet - macht jetzt Schule. Auch in Pálhalma, 60 Kilometer südwestlich von Budapest soll ab Juni dieses Jahres „grüner“ Strom geliefert werden – jährlich 14 Gigawattstunden. Dazu kommt noch einmal so viel Wärmeenergie für die Schlachthöfe, schätzen Experten. 16.000 Mastferkel und 730 Milchkühe liefern den „Rohstoff“. „Wir haben aber auch Abkommen mit Großküchen und Restaurants der nahe gelegenen Stadt Dunaújváros getroffen, deren Küchenabfälle wir ebenfalls hier verheizen werden“, erklärt Tamás Kovács, der geschäftsführende Direktor des Staatsbetriebes Agrospecial. 90.000 Tonnen Biomasse kommen so zusammen. Auf den Feldern (4000 Hektar) und in den Ställen arbeiten gut 1100 Leute, zwei Drittel sind Strafgefangene. Denn der Betrieb untersteht direkt dem ungarischen Justizministerium. Resozialisierung, Profit und Umweltschutz sollen hier eine Liason eingehen. „Unser Traum ist ein Agrarbetrieb, der gewinnbringend produziert – und das in Harmonie mit der Umwelt“, erklärt der Chef. Vier Millionen Euro hat die Europäische Union in diesen Traum investiert. Auch die Österreicher engagieren sich. Für den Siegeszug der Biogas-und Biomasse-Verstromung hat der Batortrade-Chef Mihály Petis eine ganz einfache Erklärung: „Wir schonen die Umwelt. Machen aus Sondermüll einen speicherbaren Wert. Und verdienen langfristig damit Geld - der Nutzen für die Gesellschaft ist groß. “Ungarn setzt auf alternative Energien – Unabhängigkeit von russischem Öl und GasFür die Ungarn könnte sich auszahlen, auf Biogas zu setzen. Denn jährlich fallen laut Umweltministerium in Budapest 110 Millionen Tonnen Biomasse an. Damit könnte man komfortabel den Energiebedarf des ganzen Landes abdecken. Und sich Schritt für Schritt aus dem Würgegriff der Russen befreien. Denn Ungarn bezieht fast 90 Prozent seines Gases und seines Öls vom ungeliebten Nachbarn. Das soll sich ändern, heißt es in Budapest. Die Regierung Gyurcsány will bis zum Jahr 2013 landesweit 170 Millionen Euro in die Nutzung erneuerbarer Energien stecken, ihr Anteil an der Stromerzeugung Ungarns soll – gemäß EU-Vorgabe - verdoppelt werden auf mehr als 7 Prozent. Auf den weiten Feldern der Ungarischen Tiefebene (eine Million Hektar) sollen künftig Mais und Weizen für die Auto-Tanks angebaut werden. Bis 2008 sollen so jährlich mehr als eine Million Liter Bioethanol gewonnen werden. „Ein Riesenpotenzial für Agrarstaaten“, sagt Batortrade-Chef Mihály Petis. *** Ende ***---------------------------------------------------------------------------
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