Russland

Pflaster gegen schreiende Babys

Russland ist schockiert über die Zustände auf Säuglingsstationen des LandesMoskau (n-ost) – Die Russen sind schockiert über die die Zustände auf Säuglingsstationen des Landes. Vergangene Woche zeigte der Fernsehkanal NTW Bilder aus der Stadt Jekaterinenburg am Ural. Durch die Stäbe eines Gitterbettchens sah man ein Baby, das sich mit den Armen immer wieder durchs Gesicht fuhr. Dem Baby war der Mund mit einem Pflaster verklebt worden. Jelena Kurizyna, eine Mutter, die mit ihren zwei Kindern auf der Nachbarstation untergebracht war, hatte den kurzen Film mit ihrem Handy aufgenommen. In dem Fernsehkanal berichtet sie über die Vorfälle. „Ich hörte das Wimmer des Kindes in der Nachbarabteilung. Als ich dorthin ging, sah ich, dass der Mund des Kindes mit einem Pflaster verklebt war, es konnte nicht schreien, nur wimmern. Mir wurde gesagt, ich solle mich nicht um fremde Angelegenheiten kümmern.“ Für die insgesamt 40 Neugeborenen - 20 Kinder, von denen sich die Mütter unmittelbar nach der Geburt losgesagt hatten und 20 Kinder, die krank sind – ist auf der Jekaterinburger Säuglingsstation nur eine einzige Krankenschwester zuständig. Nach einem Bericht der „Komsomolskaja Prawda“ hatte Jelena Kurizyna einer  Krankenschwester gedroht, die Pflaster abzunehmen, andernfalls werde sie das Fernsehen informieren. Die Krankenschwester nahm daraufhin bei einem Baby das Pflaster ab. Zwei Tage später sah die Mutter erneut, wie einem Baby der Mund verklebt wurde. Jelena Kurizyna habe so lange vor der Glaswand der Abteilung gestanden, bis die Krankenschwester das Pflaster abgenommen hatte. „Nun kannst Du hören, wie er die ganze Nacht schreit“, habe die Schwester daraufhin gesagt. Die Krankenschwester, die viele Jahre Berufserfahrung hat, erklärte, einige Kinder seien sehr unruhig. Wenn man ihnen den Mund mit dem Schnuller festklebe, würden sie irgendwann ruhig einschlafen.Dem Fersehkanal NTW erklärte eine Krankenschwester mit Mundschutz das Verhalten mit der Überbelastung des Personals.  Mit dem Pflaster solle nur verhindert werden, dass der Schnuller rausfalle. Seit Montag ermittelt nun die russische Staatsanwaltschaft wegen brutaler Behandlung von Babys. Der Fernsehkanal NTW berichtete, die Leitung des Krankenhauses habe gegen eine Schwester eine Disziplinarstrafe verhängt. Nach einem Bericht der Zeitung „Moskowski Komsomolez“ hat die Leitung des Krankenhauses wegen ähnlicher Fälle schon mehrmals Disziplinarstrafen verhängt und Prämien gekürzt, doch das Verhalten der Krankenschwestern habe sich nicht geändert. Kindern, die Schreien werde der Mund mit Schnuller zugeklebt.Spitze des EisbergesBeobachter meinen, dass es sich bei dem Fall in Jekaterinenburg nur um die Spitze eines Eisberges handelt. Trotz der neuen, vom Kreml groß angekündigten „nationalen Programme“, von denen auch die Krankenhäuser profitieren sollen, ist die Lage in dem seit 15 Jahren völlig unterfinanzierten russischen Gesundheitssystem menschenunwürdig und katastrophal.Die Bilder von Jeketerinenburg bewegen die Russen auch deshalb, weil das Land an einem starken Geburtenrückgang leidet und Putin Mütter mit finanziellen Anreizen zur Geburt von Kindern ermuntern will. Brutales Verhalten gegenüber Patienten ist ein altes Leiden im Gesundheitswesen. Es ist Überbleibsel des sowjetischen Systems, in dem Dienstleistungen für einfache Bürger meist nur wiederwillig und ruppig ausgeführt wurden. Vor kurzem wurde die russische Öffentlichkeit durch einen anderen Skandal im Bezirkskrankenhaus der südrussischen Stadt Krasnodar geschockt. In der Neujahrsnacht wurde von einer offenbar nicht mehr ganz nüchternen Krankenschwester beim Ansetzen eines Katheters die Arm-Arterie der zwei Monate alten Sonja Kuliwez verletzt. In dem Arm des Babies bildete sich eine Thrombose. Die Ärzte entschieden daraufhin, den rechten Arm der Neugeborenen zu amputieren. Auch über diesen Fall berichteten die Medien ausführlich. In einem Iswestija-Interview meinte der Vorsitzende der zum Fall Sonja gebildeten Expertenkommission, der Fall sei „ein großes Unglück nicht nur für das Kind, sondern auch für die Eltern und die Ärzte“.  Die Staatsanwaltschaft hat im Fall Sonja bisher keine Ermittlungen eingeleitet, die Chefärzte, welche die Entscheidung zur Amputation gefällt hatten, wurden jedoch entlassen.Die Eltern hoffen jetzt auf eine Arm-Transplantation in Deutschland. Eine derartige Operation wurde bisher nur bei Erwachsenen durchgeführt. Eine sogenannte „Bio-Prothesen“ für ein Kind müsste alle zwei Jahre gewechselt werden und übersteigt die finanziellen Möglichkeiten der Eltern. Viele Zeitungsleser in Russland äußerten ihre Bereitschaft zu Spenden.
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