Russland

Feiern bis die Polizei kommt

Die jährliche Party des russischen Geldadels im französischen Ski-Ort Courchevel endete diesmal mit einem SkandalMoskau (n-ost) - Wie jedes Jahr versammelten sich auch in diesem Winter die russischen Millionäre und Milliardäre mit ihren Frauen und Freundinnen im französischen Ski-Kurort Courchevel. Zur Neujahrsfeier spielte die russische Rock-Band "Sweri". Doch dann schlug die französische Polizei zu. Polizisten schwärmten im Kurort aus, auf der Suche nach den Hintermännern eines Callgirl-Rings. In Bars und Hotelzimmern wurden 26 Personen verhaftet. Unter den Verhafteten waren zehn junge Mädchen im Alter von 20 Jahren, Vertreter der österreichischen Reiseagentur VCI Travel und kein geringerer als Michail Prochorow, Generaldirektor von Norilsk Nickel, ein waschechter Milliardär. Auf der Liste der reichsten Russen steht er auf Platz zehn.Prochorow musste Mitte Januar wegen des Verdachts auf Zuhälterei vier Tage lang in Untersuchungshaft einsitzen, ehe er von den französischen Behörden entlassen wurde. Der Jung-Oligarch sieht sich zu Unrecht in Verruf gebracht. "Ich habe keine ethischen und moralischen Normen verletzt", erklärte der Milliardär jetzt in einem großen Interview in der "Komsomolskaja Prawda", einer der auflagenstärksten Zeitungen des Landes.Fester Treffpunkt für die NeujahrsfeiernCourchevel ist für die reichen Russen um die Jahreswende zu einem festen Treffpunkt geworden. Hier versammelt sich alles was Rang und Namen hat, unter Milliardären, Show-Größen und TV-Produzenten. Sie kommen von der "Rublowskoje Chausse", der Reichen-Straße im Westen Moskaus und aus den Londoner Innenstadtbezirken Mayfair und Chelsea-Knightsbridge, wo die reichen Russen in den letzten Jahren Villen im Wert von insgesamt 2,2 Milliarden Pfund gekauft haben.Die reichen Russen bevorzugen Orte mit feinstem Ambiente und aristokratischer Tradition. Moskau, London und Courchevel, das sind drei wichtigsten Adressen des russischen Geldadels. Geld ist Dank des russischen Wirtschaftswachstums von jährlich rund sechs Prozent in Hülle und Fülle vorhanden.
Viele reiche Russen schmücken sich gerne mit hübschen Frauen. Foto: Dana RitzmannEin russischer Geschäftsmann, der das neue Jahr dieses Mal in heimischen Gefilden feiern wollte, ließ den britischen Pop-Star George Michael nebst Background-Sängerinnen im Privatjet nach Moskau fliegen. Der einstündige Auftritt in einer Vorstadt-Villa kostete schlappe 2,3 Millionen Euro. "Es war eine spaßige Nacht, und am nächsten Morgen war George schon wieder in Großbritannien zurück", erklärte eine Sprecherin.Auch in Courchevell wurde nicht gekleckert. Junge Mädchen, die in größeren Gruppen über die Reiseagentur VCI Travel angereist waren, wurden üppig beschenkt. Die jungen Damen erklärten beim Verhör durch die Polizei, sie seien völlig freiwillig und zum eigenen Vergnügen gekommen. Sie wurden gut belohnt. Die Kavaliere schenkten teure Uhren und Pelze. Eine gewerbliche Tätigkeit konnte man den jungen Damen nicht nachweisen.Die 26 Festgenommenen von Courchevel sind inzwischen alle wieder auf freiem Fuß. Anklage wurde nicht erhoben, weitere Zeugenvernehmungen sind nach Angaben der Anwälte jedoch durchaus möglich. Der Anwalt von Prochorow kommentierte den Vorgang mit den Worten, "die Berge von Courchevel haben eine Maus geboren."In den Medien war darüber spekuliert worden, dass der französische Innenminister Nicolas Sarkozy hinter der Aktion stecke. Die "Iswestija" zitierte den Minister mit einer hämischen Bemerkung. "Das kann mit Jemandem passieren, der sich amüsieren will." Die französische und russische Presse hatte über die Razzia in Courchevel ausführlich berichtet. Für Michail Prochorow, den Generaldirektor von Norilsk Nickel, war es ein harter Schlag. Seinem Unternehmen sei ein Schaden zugefügt worden, erklärte der Milliardär, dem auch ein Unternehmen zur Goldschürfung gehört. Norilsk Nickel ist der weltweit größte Nickel-Produzent.Steinreich und noch zu habenDie Reaktionen der Russen auf den Skandal von Courchevel waren gespalten. Man hörte die Meinung, "toll, dass unsere Leute es so weit gebracht haben". Andere ärgerten sich, dass in den französischen Alpen Geld verprasst wird, während es in Russland große soziale Probleme gibt. Viele Frauen verehren Prochorow. Der 41-Jährige war nie verheiratet, hat keine Kinder und ist 7,6 Milliarden Dollar schwer. Prochorow gilt als einer der attraktivsten Männer weit und breit. Doch es ist schwer an ihn ranzukommen. Sein Büro liegt weitab von Moskau, in der Stadt Norilsk, nördlich des Polarkreises.Der russische Geldadel hat jetzt zum Boykott des französischen Ski-Kurortes aufgerufen. In der "Komsomoskaja Prawda" erklärten reiche Russinnen, es gäbe auch andere schöne Ski-Orte, wie St. Moritz oder Aspen in den Rocky Mountains. Der Schreck sitzt immer noch tief. An den Liften des französischen Kur-Ortes ging das Gerücht um, "alle Russen" würden verhaftet. Die "stille Post" funktionierte offenbar gut. Einige Urlauber sollen sich - so berichtete die Zeitung "Kommersant" - mit Skiern in andere Täler abgesetzt haben. Dann ließen sie sich mit Hubschraubern nach Österreich "evakuieren".Russische Parties "als Orgie diskreditiert"Prochorow spielt jetzt den Unschuldigen und beklagt anti-russische Ressentiments. "Freie, unabhängige und gut ausgebildete Russen" begegnete man im Ausland "nicht selten mit Befremden, Neid und Aggression". Auf der ganzen Welt begeistere man sich für den Karneval in Brasilien, wenn die Russen aber in Courchevel feiern, würden sie "diskreditiert". Der Oligarch spricht dem einfachen Volk aus der Seele: "Nach vielen Jahren der Erniedrigung  und Tragödie haben die russischen Menschen das Recht auf ein schönes und lustiges Leben." Natürlich sei es "schade", dass sich solche Parties "nicht alle leisten können".Die Feiern in dem französischen Luxus-Kurort - so behauptet Prochorow - seien "Teil der russischen Kultur". Der Oligarch beklagt, dass die Franzosen sich zwar für "die unergründliche russische Seele", russische Schriftsteller, russisches Ballett  und klassische russische Musik begeistern, die russische Art "schön und grell" zu feiern aber als "Orgie diskreditieren".Prochorow kehrt den Ritter raus: "Die Schönheit unserer Frauen und ihre Fähigkeit das Auserlesene zu betonen, sich sexy und modisch zu kleiden, gibt Niemandem das Recht, sie als Prostituierte zu bezeichnen." Im übrigen werde in Courchevel nicht nur gefeiert. Der Kurort habe sich im Laufe der Jahre zu einem "informellen Davos" entwickelt, "wo sich über spielerische und theatralisierte Unterhaltung die russische Geschäftswelt konsolidiert." Die französischen Ermittler hatten da ihre Zweifel. In dem Koffer einer der angereisten jungen Mädchen fanden sie über hundert Präservative. Die junge Dame konnte partout nicht erklären, warum sie eine solche Menge mit sich führte.Ende
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