Energiegigant auf unsicherem Boden
Gasprom verspricht Europa sichere Versorgung // Russische Gasindustrie könnte angesichts des Klimawandels im Morast versinkenMoskau (n-ost) - Während Westeuropa nach den fortgesetzten Irritationen wegen unterbrochener russischer Gaslieferungen verstärkt einen Ausweg aus der Abhängigkeit von Russland sucht, versprechen der Kreml und Russlands Energiegigant Gasprom nun eine sichere Versorgung. Doch die russische Gasindustrie hat nicht nur Probleme mit Transitleitungen durch Weißrussland. Durch den Klimawandel könnte die halbe Industrie im sibirischen Morast versinken.Gasprom ist nach dem US-Unternehmen Exxon Mobil das weltweit zweitgrößte Energieunternehmen. Es besitzt 17 Prozent der weltweiten Gasvorräte. Zu Gasprom mit seinen 350.000 Mitarbeitern gehören inzwischen auch Ölfirmen, Elektrizitätswerke, ein Unternehmen für den Bau des iranischen Atomkraftwerks Buscher, sowie ein Medienunternehmen. 1992 wurde das ehemalige Staatsunternehmen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Seit 2005 hält der Staat mit 51 Prozent die Aktienmehrheit. Eon-Ruhgas ist mit 6,5 Prozent an Gasprom beteiligt.Trotz der privaten Anteilseigner: Was bei Gasprom passiert, ist in erster Linie eine Angelegenheit des Kreml, wie nicht zuletzt bei den beiden Krisen mit Weißrussland und der Ukraine um die Anhebung der Gaspreise zu beobachten war. Der Kreml spekuliert, dass die unter Preisdruck gesetzten Nachbarn sich in anderen außenpolitischen Fragen kompromissbereiter zeigen. Dies betrifft vor allem den Nato-Beitritt der Ukraine, den Moskau auf jeden Fall verhindern will.Dass Gasprom mit ökonomischen Argumenten Politik macht, zeigte sich bereits unmittelbar nach dem Machtantritt von Wladimir Putin. Im 2001 übernahm Gasprom NTW, den letzten unabhängigen Fernsehsender, mit der Begründung, er habe seine Schulden nicht zurückgezahlt. Die Kritik des Senders an den Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien ist seitdem verstummt.Die alte Gasprom-Führung, der man nachsagte, dass sie kräftig in die eigene Tasche wirtschaftete, wurde von Putin ausgewechselt. Chef des Konzerns wurde Alexej Miller, mit dem Putin schon in seiner Zeit als Mitarbeiter der St. Petersburger Stadtverwaltung zusammenarbeitete. Vorsitzender des Gasprom-Aufsichtsrates wurde Vizeministerpräsident Dmitri Medwedjew, ebenfalls ein Vertrauter Putins aus St. Petersburger Tagen, der als wahrscheinlicher Nachfolger des Kreml-Chefs gilt. Putin selbst hat erklärt, er wolle nach seinem Ausscheiden 2008, weiter Verantwortung tragen. Beobachter in Moskau halten es für möglich, dass er Führer der Partei "Einiges Russland", Ministerpräsident oder Chef von Gasprom wird.Dialog und Eindämmung"Unser Unternehmen kann die Rolle des Energie Fundaments für die Entwicklung Europas und der Welt spielen." Die Worte von Gasprom-Chef Alexei Miller auf einem Kongress der Gaswirtschaft in Amsterdam im Juni letzten Jahres zeugen von äußerstem Selbstbewusstsein. Inwieweit ist es berechtigt?Gasprom liefert mit Langzeitverträgen von bis zu 25 Jahren an 21 Länder in Zentral- und Westeuropa. Heute deckt das Unternehmen ein Viertel des europäischen und 35 Prozent des deutschen Gasbedarfs ab. Doch die Ziele von Gasprom reichen weit über Europa hinaus. Der Konzern will mit den zentralasiatischen Republiken Kasachstan, Usbekistan und Turkmenistan ein Kartell bilden. Schon jetzt kauft der russische Konzern große Mengen von billigem turkmenischem Gas auf, um es als eigenes Produkt im Westen abzusetzen. So sichert man sich eine dominante Stellung am Markt.Der russische Staatskonzern will eine Gas-Pipeline nach China bauen, und er arbeitet bei der Erschließung von Gas-Vorkommen und dem Bau von Pipelines mit Unternehmen befreundeter Staaten auf dem gesamten Globus zusammen, von Venezuela bis Vietnam, vom Iran bis Serbien.Andere Großmächte arbeiten fieberhaft an Eindämmungsstrategien. Die EU hofft Russland über einen Dialog berechenbarer zu machen. Seit Anfang der 90er Jahre verhandelt man mit Russland über eine Energie-Charta, welche westlichen Unternehmen, den Zugang zu russischen Pipelines und Lagerstätten ermöglichen soll. Russland hat die Charta bisher nicht ratifiziert, weil es um sein Pipeline-Monopol fürchtet.China, mit dem Russland in der antiamerikanischen "Shanghai Organisation für Zusammenarbeit" vereint ist, hat in Zentralasien eigene Interessen. Peking will eine eigne Pipeline zum Kaspischen Meer bauen, um sich von dort mit Energie zu versorgen.
Die USA hofften durch Direktinvestitionen auf Teilhabe am russischen Energiegeschäft. Gleichzeitig unterstützt man Versuche der GUS-abtrünnigen GUAM -Gruppe (Georgien, Ukraine, Moldawien, Aserbaidschan) eigene Energie-Trassen - unter Umgehung Russlands - Richtung Europa aufzubauen.Lieblingskind DeutschlandDoch alle Versuche, die wachsende Energiemacht Russland zu bändigen, scheiterten bisher. Im Gegenteil, Russland verweist die ausländischen Energiekonzerne, die man in den 90er Jahre als Investoren noch gut gebrauchen konnte, jetzt ins zweite Glied. Russland will nur noch Geschäfte auf Gegenseitigkeit. Wer in Russland investieren will, soll den eigenen Markt für russische Unternehmen öffnen.Deutschland ist dabei das Lieblingskind des Kreml. Mit der Entscheidung für die Ostseepipeline, welche Russland und Deutschland unter Umgehung von Drittstaaten direkt verbindet, hat Berlin gezeigt, dass man sich langfristig an Russland binden will. Das schafft Vertrauen. Und es gibt erste Unternehmensverflechtungen. Die Anteilserhöhung von Gasprom bei BASF-Wingas (50 Prozent und eine Aktie) belohnte das russische Unternehmen mit einer Beteiligung von 25 Prozent an dem westrussischen Gasfeld Juschnoje Polje. Das Energieunternehmen E.on, welches an der Ostseepipeline beteiligt ist, gewährte Gasprom Beteiligungen in Ungarn. In Deutschland hat Gasprom offenbar noch Großes vor. Der russische Gasriese wurde Hauptsponsor beim westdeutschen Fußballverein Schalke 04.Putin hatte Angela Merkel gar angeboten, Deutschland solle als "Verteilsstation" für russisches Gas in Europa fungieren. Faktisch nimmt Deutschland aber heute schon diese Funktion wahr, meint der Russland-Experte Roland Götz vom Berliner SPW-Institut. Würde Berlin auf Putins Angebot eingehen, wäre das Zündstoff für die EU. Polen und die baltischen Staaten fühlen sich schon jetzt durch die Ostseepipeline hintergangen.Begehrlichkeiten Richtung AsienDie Hauptkunden von Gasprom sitzen in Europa und sind durch langfristige Lieferverträge mit Russland verbunden. Doch Gasprom reicht das nicht. Man will auf den europäischen Markt, um dort selbst Gas zu verkaufen. Nachdem der Versuch gescheitert war, sich in das britische Energieunternehmen Centrica einzukaufen, drohte Gasprom-Chef Alex Miller auf einer Veranstaltung mit 25 EU-Botschaftern in Moskau, wenn sein Konzern in Europa keinen Marktzugang bekomme, werde man verstärkt nach Asien exportieren. Die Ankündigung sollte Druck machen. Doch in Wirklichkeit verfügt das Unternehmen bisher über keine einzige Pipeline in den Fernen Osten. Europa hat also noch Zeit, seine Diversifizierungspläne zu verfolgen. Auf Südostasien setzt Russland große Hoffnungen. Die Region hat doppelt so hohe Wachstumsraten wie Europa. Auf einem Treffen mit westlichen Politologen im Rahmen des sogenannten "Waldai-Klub", erklärte der Kreml-Chef, Russland beabsichtige seinen Anteil an Energieexporten nach Asien in den nächsten 15 Jahren auf 30 Prozent zu erhöhen. Im März 2006, während eines Staatsbesuchs von Wladimir Putin in Peking, wurde zwischen Gasprom und der staatlichen chinesischen Energiegesellschaft CNPC der Bau einer 2.700 km langen Gaspipeline vereinbart, welche die westsibirischen Gasvorkommen mit Westchina verbinden soll. Die Pipeline, welche durch Naturschutzgebiete in der russischen Teilrepublik Altai führen soll, wird fünf Milliarden Dollar kosten und soll 2011 in Betrieb gehen.Das staatliche russische Pipeline-Unternehmen Transneft begann im letzten Jahr mit dem Bau einer Öl-Pipeline von Ostsibirien an den Pazifik. Die Energieader mit einer Länge von 5.000 Kilometern soll 2015 fertig sein und China, Japan und andere Länder Südostasien versorgen. Russische Umweltschützer erzwangen im letzten Jahr, dass die Öl-Pipeline - nicht wie ursprünglich geplant - direkt am Baikal-See sondern in größerem Abstand von der einzigartigen Öko-Region gebaut wird.Pipelines nur mit FreundenWährend man unter Energiesicherheit in Europa vor allem Diversifizierung versteht, das heißt den Aufbau eines Liefersystem welches sich auf mehrere Länder stützt, versteht Russland unter Energiesicherheit ein Pipelinesystem, über das man selbst verfügt, bzw. an dem man nur Partner beteiligt, die zu Gegengeschäften bereit sind. Den Anfang machte Gasprom mit Blue Stream, einer 1.200 km langen Pipeline, von der ein 396 km langes Teilstück am Boden des Schwarzen Meeres verläuft. Endpunkt der Energieader ist die türkische Hauptstadt Ankara. Die Türkei bezieht heute 65 Prozent ihres Gases aus Russland.Der zweite Schritt war die Ostseepipeline. Die 1.200 Kilometer lange Energieader, die von Nordwestrussland bis ins deutsche Greifswald führen soll, wurde im Oktober in Nord Stream umbenannt. Teilhaber der Nordstream AG sind neben Gasprom die deutschen Energieunternehmen E.on und Wintershall.Das Umgehen von Drittländern ist keine russische Erfindung. Den ersten Schritt auf postsowjetischem Territorium in diese Richtung machte ein westliches Firmenkonsortium unter Führung von BP. Eine 2000 km lange Pipeline führt von der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku über Georgien zum türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan. Um das mit Russland eng verbündete Armenien macht die vier Milliarden-Dollar-Pipeline, die letztes Jahr in Betrieb ging, einen großen Bogen.Tendenz RenationalisierungDer Russlandexperte Roland Götz bezweifelt, ob Gasprom aus eigener Kraft seine weitgesteckten Ziele erreichen kann. Die Gaslagerstätten in Westsibirien, die schon seit Jahrzehnten ausgebeutet werden, seien bald erschöpft. Die Gasförderung werde bis 2020 nur noch wenig zunehmen.
Gasprom setzt seine ganze Hoffnung auf die Erschließung zweier Gasfelder auf der Jamal-Halbsinsel und in der Barentssee. Das Schtokman-Feld in der Barentssee gehört mit erwarteten 3,7 Trillionen Kubikmetern Gas zu den weltgrößten noch nicht erschlossenen Erdgasfeldern. Gasprom wollte das Großprojekt zusammen mit fünf ausländischen Unternehmen in Angriff nehmen, den US-Firmen Chevron und ConocoPhillips, der französischen Total und den norwegischen Unternehmen Statoil und Hydro. Die fünf Ausländer sollten mit 49 Prozent an der Erschließung des Schtokmann-Feldes beteiligt werden. Doch Putin entschied anders. Am 10. Oktober 2006, nach einem Treffen mit Angela Merkel, verkündete er: "Wir werden die einzigen Nutzer des Bodens und Besitzer des Feldes sein, aber wir schließen nicht aus, ausländische Unternehmen einzuladen für die gemeinsame Erschließung oder für einen Teil der Arbeit bei der Gasverflüssigung und der Vermarktung in Drittländern." Damit war das gemeinsame Projekt zwischen Gasprom und den fünf Ausländern im Rahmen eines Production Sharing Agreement geplatzt. Ziel sei jetzt nicht mehr der Flüssig-Gasexport nach Nordamerika - erklärte Putin - sondern der Gasexport nach Europa. Die Ostseepipeline soll das Gas vom Schtokmann-Feld nach Deutschland bringen, von dort soll es dann teilweise nach Großbritannien weitergeleitet werden.Dünne KapitaldeckeAusländische Experten bezweifeln, ob Gasprom die Mittel und die Effektivität hat, die Erschließung der beiden Großprojekte Jamal und Schtokmann alleine zu organisieren. Für die Erschließung des Stockmann-Feldes rechnet man mit Kosten von 40 Milliarden Dollar, für die Erschließung des Gasfeldes Jamal werden 57 Milliarden Dollar benötigt.Auch bei dem Projekt Sakhalin-2, einer Gasverflüssigungsanlage auf der Insel Sachalin vor der russischen Ostküste, setzte Gasprom eine Renationalisierung durch. Der Staatskonzern erreichte, dass die ausländischen Firmen, welche das 17,5 Milliarden-Dollar-Projekt in Eigenregie führten, jeweils die Hälfte ihrer Aktienanteile an Gasprom abtreten mussten. Die westlichen Konzerne hatten offenbar gegen Umweltgesetze verstoßen. Dies diente den russischen Behörden als Druckmittel. Nun hat Gasprom 51 Prozent am Projekt Sakhalin-2, welches eine Schlüsselrolle bei der Gasversorgung in Südostasien spielen soll.Reichtum könnte im Morast versinkenOb Gasprom das stabile Fundament für die Weltenergieversorgung sein wird, muss sich erst noch zeigen. Denn es gibt zahlreiche hausgemachte Probleme, wie mangelnde Kapazitäten, eine ungeklärte Kapitaldecke sowie große soziale, demographische und ökologische Probleme, welche auch die russische Energiewirtschaft bedrohen.
Wegen des Klimawandels könnte der russische Gas- und Öl-Reichtum buchstäblich im Morast versinken. Russische und ausländische Wissenschaftler haben festgestellt, dass in den Hauptfördergebiete für Erdgas in Westsibirien sowie in den neuen Fördergebieten aufgrund des Klimawandels der Permafrostboden auftaut. Dabei wird nicht nur in hohem Maße Co2 freigesetzt. Der Boden verliert auch seine Festigkeit und die Gasförderanlagen und Pipelines müssten nachgerüstet werden, sollen sie nicht langsam in den Mooren versinken oder zerbrechen.
INFOKASTEN:
Gasprom-KonzernGasprom ist nach dem US-Unternehmen Exxon Mobil das weltweit zweitgrößte Energieunternehmen. Es besitzt 17 Prozent der weltweiten Gasvorräte. Zu Gasprom gehören 350.000 Mitarbeiter. 1992 wurde das ehemalige Staatsunternehmen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Seit 2005 hält der Staat mit 51 Prozent die Aktienmehrheit. Eon-Ruhgas ist mit 6,5 Prozent an Gasprom beteiligt.
Die Gasförderung durch Gasprom steigt nur langsam. Während im Jahre 2000 523 Milliarden Kubikmeter Erdgas gefördert wurden, waren es 2005 548 Milliarden Kubikmeter.
2005 wurden 307 Milliarden Kubikmeter im Inland zu einem ermäßigten Preis verkauft, 156 Milliarden Kubikmeter wurden nach Mittel- und West-Europa exportiert, 76,6 Milliarden Kubikmeter gingen an die GUS- und die baltischen Staaten. Bis zum Jahre 2010 will das Unternehmen seine Förderung auf 590 Kubikmeter steigern.
Der Inlandspreis für Erdgas ist 2005 um 23 Prozent gestiegen, liegt aber mit umgerechnet 37 Dollar für 1.000 Kubikmeter noch immer weit unter dem Export-Preis. In Westeuropa werden zwischen 240 und 320 Dollar gezahlt. Langsam dringt Gasprom nach Europa vor. Der Einstieg in den britischen Markt gelang bisher nicht, das russische Unternehmen bekam aber eine Beteiligung an einer britisch-belgischen Verbindungspipeline. Mitte Dezember sicherte sich Gasprom in Frankreich die Option, seine Produkte direkt an die Industrie zu verkaufen. In Italien bekam der russische Gas-Konzern direkten Zugang zum Endverbraucher. Gegenüber dem italienischen Energiekonzern Eni verpflichtete sich Gasprom mit einem langfristigen Lieferabkommen. Eni wird sich mit 10 Milliarden Dollar an russischen Förderprojekten beteiligen
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