Rumänien

Das Spiel mit den Nullen

Seit Januar wird in Rumänien die alte Währung endgültig aus dem Verkehr gezogen
Schäßburg/Sighisoara (n-ost) - Veroica Boitos sitzt am Küchentisch und schreibt Zahlenkolonnen auf ein kleines Stück Papier: "Schauen Sie! Für einhundert alte Lei gibt es zehn neue." Auf dem Schmierzettel hat sie eine kleine Tabelle gemalt und trägt in die zwei Spalten die entsprechenden Beträge ein. Vor ihr auf der abwischbaren Tischdecke aus Kunststoff liegen Geldscheine der alten und neuen Währung. Auch sie sind aus Plastik und abwischbar. Die große Frau mit den braun gelockten Haaren und der blauen Kittelschürze erklärt die Umrechnung erneut: "Und eintausend alte Lei machen einhundert neue. Verstanden?" In Großbuchstaben hat sie über der einen Spalte das rumänische Wort "VECHI" für alt, über der anderen "NOU" für neu gemalt. Eigentlich ganz einfach.Anderthalb Jahre lang gab es neben dem alten bereits den neuen Leu (Plural: Lei). Käufliche Waren wurden in beiden Währungen ausgepreist. In Rumäniens Geldbörsen gab es alte und neue Scheine. Doch ganz Rumänien denkt noch heute wie im Jahr 2004, auch Veroica Boitos. Das Rechnen mit alten Lei hat sie sich auch jetzt nicht abgewöhnt, obwohl die Scheine seit Januar 2007 endgültig aus dem Verkehr gezogen werden. Wer sich als Reisender in das neue EU-Mitgliedsland begibt, wird beim Umgang mit Geld deshalb auch häufiger mit veralteten Preisen konfrontiert. "Es ist das gleiche Problem wie in Deutschland nach der Einführung des Euro. Bei manchen Leuten hat die Umstellung Jahre gedauert", meint Susanne Blenk, die derzeit in Rumänien lebt.
Hähnchen-Theke in einem Supermarktin Schässburg/Sighisoara. Foto: Matthias HäberDie Umrechnung ist allerdings auch etwas komplizierter als eine einfache Division durch zehn, denn die Zahlen in der mit "VECHI" überschriebenen Spalte stimmen nicht mit dem überein, was Frau Boitos sagt. Wie alle Rumänen lässt sie beim Rechnen mit altem Geld, die letzten drei Nullen einfach weg. Während sie die Zahl 100.000 schreibt, spricht sie von 100. Sprachökonomie nennt man das. Die Währung wurde eigentlich um vier Nullen gekürzt anstatt um eine. Aus 10.000 alten Lei wurde ein neuer Leu. Außerdem änderte sich die offizielle Abkürzung nach ISO 4217: Aus ROL wurde RON.Susanne Blenk ist seit Herbst letzten Jahres im Land und brauchte eine ganze Weile bis sie gerlernt hatte mit altem und neuem Geld gleichzeitig zu hantieren: "Das Problem ist ja, dass es neben der alten und der neuen, offiziellen Währung auch noch eine dritte Variante, die mündliche Zählweise gibt. Das ist schon etwas verwirrend, gerade wenn man mit den Preisen noch nicht so recht Bescheid weiß." Hinzu kommt die in Rumänien gängige Kalkulation mit Fremdwährungen. Während ein Mobilfunkbetreiber seine Tarife in US-Dollar veröffentlicht, wirbt der rumänische Festnetzanbieter mit Preisen in Euro. Gerade aber bei hohen Beträgen wie Miete oder beim Autokauf wird in Euro gerechnet.Dabei war der neue Leu angetreten, um dieses Chaos endlich zu beenden. Zur besseren Umgewöhnung wurden die neuen Scheine außerdem mit den gleichen Farben und Motiven bedruckt wie die alten. Nur kleiner sind sie geworden und erleichtern in ihrer jetzigen Größe eine spätere Umstellung der Geldautomaten auf den für 2012 geplanten Euro. Zudem gibt es nun erstmals eine völlig neue Banknote: Den 500-Lei-Schein. Denn durch die Streichung von vier Nullen wurde die Währung endlich wieder so handlich wie Euros oder US-Dollars. Der RON ist stärker denn je, doch wirklich gewöhnt haben sich die Leute an ihr neues Geld nicht. Verständlich, wenn man bedenkt, dass es sich bei der Währungsreform  mittlerweile um die fünfte seit 1989 handelt.Mit der Reduktion der Nullen auf ein annehmbares Maß gewinnt auch erstmals wieder die Untereinheit Ban (Plural: Bani) an Bedeutung. Doch zuweilen sind die Münzen im Zahlungsverkehr noch rar. So kann es durchaus vorkommen, dass der Kunde statt des Wechselgeldes ein Dutzend Bonbons in die Hand gedrückt bekommt. Die Verkäufer haben dafür in der Kasse mitunter ihr eigenes Fach. Sergiu Bogdan aus Klausenburg/Cluj-Napoca ist dennoch stolz auf das neue Geld: "Der Leu ist zurzeit eine der gefragtesten Währungen überhaupt und weil er aus Plastik ist, auch noch fälschungssicher." Tatsächlich sank der Wechselkurs zum Euro in den vergangen Jahren stetig auf derzeit circa 3,41 und macht seinem Namen alle Ehre. Leu heißt auf Rumänisch Löwe. Ob die neuen Banknoten allerdings blütenrein bleiben, muss die Zukunft zeigen. An den Budapester Wechselstuben weigert man sich derzeit noch RON überhaupt entgegen zu nehmen.Die Nationalbank hat mit Einführung der neuen Währung auch seine Geldpolitik geändert. Sie ist um eine direkte Steuerung der Inflation bemüht. Für das Jahr 2007 wird vom Gouverneur der Bank, Mugur Isarescu, ein erfreulich niedriges Niveau von ungefähr vier Prozent prognostiziert, woran der starke Wechselkurs nicht unbeteiligt ist. Für Besucher aus Deutschland heißt das allerdings, dass die Reise etwas teurer wird. Sollten die Preise jedoch utopisch sein, dann ist wohl noch von alter Währung die Rede.
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