Ungarn

Luxus für die Füße

Lászlo Vass fertigt die berühmten Budapester Schuhe noch nach MaßBudapest (n-ost) - Der kleine Laden liegt in der Haris köz. Die kleine Gasse geht von der Váci utca ab, der berühmten Einkaufsmeile in der Budapester Innenstadt. Der erste Blick von Lászlo Vass gilt meinen Schuhen - Budapester Schuhen. Er sieht sofort, dass sie nicht von ihm sind. Fühlt. "Sehr weiches Leder", sagt er. "Zu weich". Er holt einen dunkelbraunen Schuh vom Regal. Der Korpus sieht aus wie mit Bläschen bedeckt. Die Spitze mit der klassischen Lochung ist glatt. Vass lässt mich fühlen. Hartes Leder. "Die Füße müssen Halt haben", erklärt er.Seit gut 40 Jahren macht der vitale Mann jetzt schon Schuhe. "Das ist meine Berufung", sagt er. Er schwärmt von den guten, alten Zeiten. Als jeder "úriember", also Herr, der auf sich hielt, mindestens ein paar Budapester Schuhe hatte. "Wenn wir alte Modephotographien sehen", meint Vass, "oder alte Filme - jeder trug solche Schuhe". Er erzählt, dass er Schuhe Baujahr 1928 besitzt, "die man noch immer tragen könnte." Unverwüstlich, elegant, klassisch. Das ist der Ruf, den die echten Budapester Schuhe haben. Ein Kunde bestätigt: "Ich trage diese Schuhe seit zehn Jahren. Und sie werden immer besser". Er probiert ein paar neue Budapester in Schwarz aus. Entscheidet sich. Zahlt ein paar Hundert Euro. Die fertigen Schuhe im Laden sind ab 360 Euro zu haben. Die maßgeschneiderten, auf eigenem Leisten, vielleicht noch aus Pferdeleder (Cordovan) verlassen den Laden nicht unter 600 Euro. "Aber wenn sie bedenken", sagt der Kunde, "dass diese Schuhe nach zehn Jahren immer noch gut aussehen, ich nicht in ihnen friere und ich in der gleichen Zeit vier andere Paar Schuhe verschleiße", dann stimme das Preis-Leistungsverhältnis. "Deswegen stehe ich darauf, bei den Schuhen nicht zu sparen".
Lászlo Vass bei der Arbeit. Foto: Stephan OzsváthDer Kunde ist Wissenschaftler. Aus Deutschland. Wie viele andere auch. Politiker, Geschäftsleute, Künstler - sie kaufen bei Lászlo Vass. Nein, Namen wolle er nicht nennen. Aber es seien "bekannte Persönlichkeiten" darunter. Vass pflegt Diskretion von Kopf bis Fuß. "Mit befreundeten Künstlern tausche ich manchmal Schuhe gegen Bilder", erzählt der Schuhmacher, der auch leidenschaftlicher Kunstsammler ist. In Veszprém stellt er seit 2003 die Bilder seiner Sammlung moderner Kunst öffentlich aus. "Es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen Schuhmacher-Handwerk und Kunst. Es geht um schöne Farben und Formen", sagt Vass inmitten von Schuhen in Cognac, Honig oder schwarz-glänzend.Soviel Schönheit macht die Geldbörse locker. Es dauert nicht lange, und der Chef persönlich kniet vor mir. Er bittet mich, einen Fuß auf ein Blatt-Karo-Papier zu stellen. Er zeichnet die Umrisse nach, fragt mich nach meiner Schuhgröße. 41 bis 42. Das erscheint ihm zu groß. Er misst 40einhalb - und das am Nachmittag, wenn die Füße ohnehin etwas geschwollener sind. Ich verlasse den Laden mit einer Bestellung: Budapester Schuhe. Eigener Leisten. Dunkelbraun. Blasendesign. Die teuersten Schuhe meines Lebens: Mehr als 500 Euro. In sechs Wochen soll ich wiederkommen, zur Anprobe.Sechs Wochen später. Die Angestellte aus dem Laden ruft an: "Ihre Schuhe sind fertig". Ich will meinen eigenen Leisten auch sehen und fahre deshalb in die Werkstatt nach Rákospalota, einen Außenbezirk im Nordosten der ungarischen Hauptstadt. Im Keller des Wohnhauses und im Hinterhaus ackern 16 Angestellte. Es riecht nach Klebstoff, Farbe und Leder. Das Rohmaterial ist gestapelt: zurechtgeschnittene Lederlappen, das klassische Muster ist bereits an den Stanzlöchern zu erkennen. In den Regalen stehen fast fertige Schuhe. Sándor Kocsis gibt ihnen den letzten Schliff. "Ich bügele die Sohlen", sagt er und deutet auf eine Art Lötkolben. "Erst trage ich Creme auf, dann bügele ich den Sohlenrand, damit die Füße trocken bleiben". In der Mitte der Werkstatt steht ein Karton-Turm: Empfänger Hugo Boss. Einige Läden in Deutschland verkaufen Vass-Schuhe auf Lizenz.
Aus dieser Schuhform fertigt Lászlo Vass einen Schuh nach Maß. Foto: Stephan OzsváthWo ist mein Leisten? Die Angestellten suchen die Regale ab. "Hier im Vorderhaus nicht", erklären sie. Vielleicht habe ich mehr Glück im Hinterhaus. Ich gehe durch den Garten, steige eine windschiefe Treppe hoch, vorbei an einer Schleifmaschine. Dort werden die Sohlen beschliffen, bevor Sándor Kocsis sie bügelt. Ich öffne eine Tür. Flotte Balkan-Musik aus dem Radio schallt mir entgegen. Auf niedrigen Hockern sitzen Lajos Balogh und Mihály Dénes. Beide sind Schuhmacher. Der eine haut Nägel in die Unterseite des Schuhs. Der andere näht die Sohle an. Zum Schutz trägt er Lederstulpen über den Fingern. "Ich arbeite seit meinem vierzehnten Lebensjahr als Schuhmacher", erzählt der sehnige Mihály Dénes. Seit zwölf Jahren ist der 50-jährige schon bei Vass. Wieviele Schuhe er schon gemacht hat, kann er nicht zählen. Er greift nach hinten, zieht ein paar weinrote Budapester hervor. "Die hat mir der Chef geschenkt". Seit fünf Jahren trägt er sie. "Das hier sind alles Naturmaterialien", schwärmt er. Kein Plastik. "Darin können die Füße atmen". Sein Credo: "Ein Mann braucht drei Paar solcher Schuhe - zum Wechseln." Ich rechne im Kopf. Drei mal fünfhundert. In Ungarn der Gegenwert für ein halbes Jahr Arbeit.Ob ihr Job hart ist, will ich wissen. "Schuhe machen ist ein Knochenjob", bestätigen die beiden Schuhmacher. Lajos Balogh entschuldigt sich, dass er nur fünf Paar am Tag schafft. Er hat erst vor kurzem bei Vass angefangen. "Früher habe ich in der Schuhfabrik an der Maschine gearbeitet", erzählt er, " aber das hier ist das wahre Handwerk: Wir machen alles per Hand, mit viel Konzentration und Geduld." Sie finden auch meinen Leisten: "Ozsváth István" steht auf dem Holz. Fehlen nur noch meine Schuhe. Mit dem Bus fahre ich wieder in die Innenstadt. Die Angestellte im Laden sucht. Über eine Rutsche an der Treppe kommt ein Schuhkarton. Sie packt aus. Ich ziehe die dunkelbraunen Budapester an. Passt. Ich bin stolz. Habe das Gefühl, etwas "Schönes" an den Füßen zu tragen. Wie war das? "Ein Mann braucht drei Paar Budapester". Für alle Fälle nehme ich einen Katalog mit.Mehr Infos: www.vass-cipo.hu*** Ende ***---------------------------------------
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