Russland

Polonium-Fund gibt Rätsel auf

Wegen immer neuer Vergiftungsfälle haben Verschwörungstheorien in Moskau Hochkonjunktur Moskau (n-ost) – Auf dem Moskauer Flughafen Domodedowo, der im Süden russischen Hauptstadt liegt, ging es am Donnerstagnachmittag geheimnisvoll zu. Ein Dienstwagen des russischen Katastrophenschutzministeriums näherte sich einer abgestellten Boeing der British Airways. Die Maschine hatte wegen des Verdachts auf Verseuchung mit dem radioaktiven Isotop  Polonium 210 von der britischen Regierung keine Erlaubnis erhalten, nach London zurückzufliegen. Wie ein Reporter des staatlichen Fernsehkanals RTR berichtete, führten die russischen Beamten außerhalb des Flugzeugs Messungen auf Radioaktivität durch. Am Nachmittag wurden außerdem britische Spezialisten für Radioaktivität in Moskau erwartet.’Der Moskauer Chemiewaffenexperte Lew Fjodorow erklärte, die Warnung der British Airways sei nicht glaubhaft. Bestimmte Mengen natürlicher Radioaktivität ließen sich an jedem Flugzeug nachweisen. Außerdem erklärte der Experte, Polonium-210 könne man nicht „einfach ausstreuen“. Das Isotop sei hochgiftig und stelle für den Benutzer selbst eine große Gefahr dar. Der ehemalige russische Atom-Minister Jewgeni Adamow erklärte, Polonium 210 sei mit einfachen Mitteln herzustellen. „Wenn man Wismut mit Neutronen bestrahlt, erhält man Polonium“, erklärte der Ex-Minister gegenüber dem Moskauer „Kommersant“. Wie das Blatt  berichtet ist Polonium-210 in den USA für wissenschaftliche Zwecke frei verkäuflich. Die Intenet-Seite der Firma United Nuclear im Bundesstaat New Mexico bietet eine kleine Dosis des radioaktiven Isotops bereits für 69 Dollar an. Verseuchte FlugzeugeBritish Airways hatte bekannt gegeben, drei Boeing-Maschinen seien leicht mit dem radioaktiven Isotop Polonium-210 verseucht. Zwei der Maschinen stehen in Heathrow, eine auf dem Moskauer Flughafen. In einer der verseuchten Maschinen kehrte der Ex-FSB-Agent und ehemalige Leibwächter von Boris Beresowski, Andrej Lugowoj, wie er selbst erklärte, am 3. November nach Moskau zurück. Lugowoj, der inzwischen als selbstständiger Geschäftsmann in Moskau und London arbeitet, hatte sich am 1. November mit Litwinenko in einem Londoner Hotel getroffen. An dem Treffen waren auch zwei russische Freunde Lugowojs beteiligt. Am selben Tag traf  Litwinenko aber auch mit dem italienischen KGB-Experten Mario Scarmella in einer Londoner Sushi-Bar zusammen. Nach den beiden Treffen hatte sich Litwinenko unwohl gefühlt und war schließlich zusammengebrochen.Russland zur Zusammenarbeit bereit  Wie die Sprecherin der britischen Botschaft in Moskau, Anastasia Nasarowa, im Gespräch mit dieser Zeitung erklärte, kam es unmittelbar nach dem Tod von Litwinenko zu einem Treffen zwischen einem Vertreter des britischen Außenministeriums und dem russischen Botschafter in London, bei dem von britischer um Ermittlungshilfe gebeten wurde. Am Mittwoch teilte die russische Generalstaatsanwaltschaft mit, man sei bereit, Mitarbeiter von Scotland Yard in Moskau zu empfangen und sie „allseitig zu unterstützen“. Umstrittene Enthüllung von ScarmellaScarmella hatte bei einer Befragung durch Ermittler in London überraschend erklärt, Litwinenko habe ihm berichtet, dass er bis zum Jahre 2000 für den russischen Geheimdienst Transporte radioaktiver Stoffe in verschiedene Länder, unter anderem nach Zürich abgewickelt, habe. Von offizieller russischer Seite hieß es, Litwinenko habe keine derartigen Aufträge ausgeführt. Der Freund des Verstorbenen Ex-Agenten, Aleks Goldfarb, nannte die Behauptung Scaramellas Unsinn, weil Litwinenko bereits 1998 den Geheimdienst verlassen habe.Rätselhafte Erkrankung von WirtschaftsreformerDie Reihe mysteriöser russischer Kriminalfälle reißt unterdessen nicht ab. Der russische Reformpolitiker Jegor Gajdar, der sich zu einer Vortragsreise in Dublin aufhielt, wurde am Tag nach dem Tod von Litwinenko bewusstlos in ein Krankenhaus eingeliefert. Nach einem leichten Frühstück – Gajdar trank einen Tee und aß einen Fruchtsalat – hatte er sich schlecht gefühlt. Kurz nach dem er mit der Vorstellung seines neuen Buches „Tod eines Imperiums: Lehren für das heutige Russland“ begonnen hatte, brach der 50-Jährige zusammen. Augenzeugen berichten, dass sich der Politiker, der heute zu den gemäßigten Kritikern des Kreml zählt, häufig erbrach und Blut spuckte. Zur Zeit wird Gajdar in einem Moskauer Krankenhaus behandelt. Nach Auskunft der Ärzte ist sein Zustand „stabil“. Wie Maria Gajdar, die Tochter des Politikers, gegenüber dem „Kommersant“ berichtete, vermuten die Moskauer Ärzte eine Vergiftung. Eine endgültige Diagnose wird für Freitag erwartet. Leonid Gosman, der wie Gajdar zur Führung der Partei „Union der rechten Kräfte“ gehört, erklärte gegenüber dem Kommersant, die Fälle Politkowskaja, Litwinenko und Gajdar nützten „den Leuten, die Russland von der Außenwelt und vom Westen isolieren wollen“ und unter den Bedingungen der Isolation „Unordnung“ im Land schaffen wollen.  Ende------------------------------------------
Wenn Sie einen Artikel übernehmen oder neu in den n-ost-Verteiler
aufgenommen werden möchten, genügt eine kurze E-Mail an n-ost@n-ost.org. Der Artikel wird sofort für Sie reserviert und für andere Medien aus Ihrem Verbreitungsgebiet gesperrt. Das marktübliche Honorar überweisen Sie bitte mit Stichwortangabe des Artikelthemas an die individuelle Kontonummer des Autors:Ulrich HeydenZwei Belegexemplare bitte UNBEDINGT an die folgende Adresse:
n-ost
Schillerstraße 57
10627 Berlin


Weitere Artikel