Geheimnisvoller Tod
Unmittelbar vor seinem Tod beschuldigte der russische Ex-Agent Aleksandr Litwinenko PutinMoskau (n-ost) – Eine Schlägerei im kirgisischen Parlament und ein erschossener Fußball-Fan in Frankreich. Das waren Themen, für die das russische Fernsehen am Freitagnachmittag kostbare Sendezeit opferte. Den Tod des russischen Ex-Agenten Aleksandr Litwinenko hatte man schon in den Morgenstunden in einer kurzen Meldung abgehakt. Die Sprecherin des Staats-Kanals RTR vermerkte in trockenem Ton, dass der ehemalige Mitarbeiter des FSB (russischer Inlandsgeheimdienst) Aleksandr Litwinenko in der Nacht auf Freitag in einem Londoner Krankenhaus verstorben sei. Die britischen Ärzte hätten keine Vergiftung feststellen können. Politischer Mord an der TagesordnungDen Abschiedsbrief des Toten, der von einem Freund am Freitag verlesen wurde, unterdrückte das russische Fernsehen. In dem Brief macht der Todgeweihte Wladimir Putin persönlich für sein Ende verantwortlich. „Für mein Schweigen bezahlen Sie einen großen Preis. Sie haben sich barbarisch und unbarmherzig gezeigt.“ Weiter heißt es: „Es ist Ihnen gelungen, einen Menschen zum Schweigen zu bringen aber die Protestwelle, welche um die Erde rollt, wird Ihnen bis an das Ende Ihrer Tage in den Ohren klingen.“Der sterbende Ex-Agent hatte die Hoffnung, dass sein Tod etwas bewirkt. Doch in seinem Heimatland gehen derartige Meldungen im täglichen rauen Alltag unter. Man hat sich wieder daran gewöhnt, dass Menschen aus politischen und geschäftlichen Gründen getötet werden. Am 7. Oktober war die Tschetschenien-Reporterin Anna Politkowskaja von einem Auftragskiller am helllichten Tag im Zentrum Moskaus vor dem Lift ihres Hauses mit drei Schüssen niedergestreckt worden. Am 13. September war der stellvertretende Zentralbankchef Andrej Koslow von einem Killer erschossen worden.Schwere Vorwürfe gegen den ArbeitgeberLitwinenko hatte Angst um sein Leben. Deshalb war er im Jahre 2000 nach London geflüchtet. 1998 hatte er schwere Anschuldigungen gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber erhoben, den FSB. Man habe ihm den Auftrag gegeben, den Oligarchen Boris Beresowski umzubringen, hatte der Ex-Agent erklärt. Außerdem hatte er ein Buch geschrieben, indem er nachzuweisen versuchte, dass der FSB hinter den Bombenanschlägen gegen russische Wohnhäuser im Jahr 1999 steckt. Damals waren Tschetschenen für die Explosionen verantwortlich gemacht worden. Die Anschläge gegen die Wohnhäuser gaben den Anlass für den zweiten Tschetschenienkrieg.In London verkehrte Litwinenko mit dem ebenfalls geflüchteten Oligarchen Boris Beresowski - der bis 2000 zum engeren Machtzirkel im Kreml gehörte - und mit dem ehemaligen tschetschenischen Kulturminister und Feldkommandeur Ahmed Sakajew. Die drei Emigranten waren im britischen Königreich als politische Flüchtlinge anerkannt worden. „Blödsinn und Seifenblasen“Der stellvertretende Pressesprecher des russischen Präsidenten, Dmitri Peskow, wies die Verdächtigungen gegen die russischen Sicherheitsstrukturen in Zusammenhang mit dem Tod von Litwinenko zurück. Die britischen Sicherheitsorgane müssten den Tod aufklären, erklärte der Präsidenten-Sprecher. Der Tod eines Menschen sei „immer eine Tragödie“. Auch der Sprecher der russischen Auslandsaufklärung (SWR), Sergej Iwanow, wies die Vorwürfe gegen russische Dienste zurück; „solche Tätigkeit“ sei „absolut nicht in unserem Interesse“. Die Beziehungen zwischen Russland und Großbritannien seien durch „Vertrauen und Verständnis“ geprägt. Der stellvertretende Vorsitzende des Duma-Sicherheitsausschusses, Michail Grischankow, bezeichnete die Vorwürfe an die Adresse Russlands als „völligen Blödsinn und Seifenblasen“. Grischankow, welcher der Kremlnahen Partei „Einiges Russland“ angehört, erklärte, der Tod von Litwinenko sei eine „weitere Kombination“ des nach London geflüchteten Oligarchen Boris Beresowski. Auch der ehemalige FSB-Chef Nikolai Kowaljow beschuldigte den geflüchteten Oligarchen. „Er ist von den Fernsehbildschirmen und von den Zeitungsseiten verschwunden und deshalb muss er lange vor den kommenden Parlaments- und Präsidentschaftswahlen unbedingt an sich erinnern.“ Schon nach dem Mord an der Journalistin Anna Politkowskaja war in Kreml-Kreisen die Behauptung aufgestellt worden, Boris Beresowski brauche politische Morde, um Wladimir Putin zu diskreditieren. Auslandseinsätze möglichDer Pressesprecher des russischen Auslandsgeheimdienstes, Sergej Iwanow, erklärte zwar, seit Ende der 50er Jahre habe es keine Auslandseinsätze zur Liquidierung von Personen mehr gegeben. Doch im Februar 2004 wurde der ehemalige tschetschenische Präsident Selimchan Jandarbijew von Agenten der russischen Militärabwehr im Scheichtum Katar durch einen Bombenanschlag getötet. Ein Gericht in dem Scheichtum verurteilte drei Agenten der russischen Militärabwehr GRU zu lebenslangen Gefängnisstrafen. Später wurden die drei Verurteilten jedoch nach Russland ausgeliefert. Im März dieses Jahres verabschiedete die Duma ein Gesetz, welches Auslandseinsätze zur Abwehr von Terroranschlägen legalisiert. Geheimnisvolle TodesursacheDie Ärzte, die Litwinenko in dem Londoner Universitätskrankenhaus behandelten, waren zunächst von einer Vergiftung durch ein Thallium-Sulfat ausgegangen, was auch als Rattengift eingesetzt wird. In den letzten Tagen war dann die Vermutung geäußert worden, dass sich in dem Körper des Todkranken nicht Thallium-Sulfat sondern ein radioaktives Thallium-Isotop befindet. Nach jüngsten Erkenntnissen der britischen Gesundheitsbehörde ist Litwinenko mit der radioaktiven Substanz Polonium vergiftet worden.Ein Zeuge meldet sichIm Fall Litwinenko gibt es zahlreiche Fährten, doch es fehlen Fakten über Auftraggeber, Motive und Täter. Zunächst war man davon ausgegangen, dass Litwinenko sich am 1. November bei einem Treffen mit Mario Scaramella, einem KGB-Experten aus Italien, in einem Londoner Sushi-Restaurant vergiftet hatte. Der Italiener hatte Litwinenko vier maschinengeschriebene Seiten mit Informationen über angebliche Mörder der Journalistin Politkowskaja aus den Kreisen des FSB übergeben. Erst später hatte Litwinenko erzählt, dass er am 1. November – noch vor dem Treffen mit dem Italiener - in einem Londoner Hotel mit drei russischen Geschäftsleuten Tee getrunken hatte. Einer der drei war sein Freund Andrej Lugowoj, der früher auch beim FSB arbeitete und dann Leibwächter von Beresowski war. Lugowoj erklärte gegenüber der Zeitung Kommersant, dass es bei dem Treffen nur um „geschäftliche Dinge“ gegangen sei. Man habe jedoch keinen Tee getrunken und es habe sich auch kein geheimnisvoller Dritter (es kursierte der Name eines „Wladimir“) in dem Hotelzimmer befunden. Der ehemalige Leibwächter traf sich am Freitag mit Mitarbeitern der britischen Botschaft in Moskau. Er wollte bei den Ermittlungen helfen, erklärte Lugowoj.Ende