Rumänien

Einzigartiges Dokument der Erinnerungsliteratur

Mihail Sebastian erhält am 20. November für seine rumänischen Tagebücher posthum in München den Geschwister-Scholl-PreisBukarest (n-ost) - Als 1996 in Bukarest aus dem Nachlass des jüdisch-rumänischen Schriftstellers Mihail Sebastian bis dato unbekannte Tagebücher aus den Jahren 1935 - 44 veröffentlicht wurden, kam dies einer Sensation gleich. Mit einem Schlag erhielt die Diskussion über die Verstrickung rumänischer Intellektueller in den Faschismus neuen Auftrieb. Jetzt erhält Mihail Sebastian posthum am 20. November in München den mit 10 000 Euro dotierten Geschwister-Scholl-Preis. Doch wer war dieser Autor, den Europa erst Jahrzehnte nach seinem Tod langsam entdeckt? Im Bukarest der Zwischenkriegszeit gehörte Mihail Sebastian einer literarischen Bewegung namens „Junge Generation“ an, zu der Autoren wie Mircea Eliade und Emil Cioran zählten und der andere, wie Eugene Ionescu, nahe standen. „Authentizität“ war das Ideal der Gruppe, ein klarer Schreibstil und schonungslose Selbstanalyse. Ganz im Sinne dieser „Authentizität“ schrieb der als Iosif Hechter in einer jüdischen Familie geborene Sebastian seine Bücher. Sein wichtigster Roman. „Seit zweitausend Jahren“ - auf Deutsch 1997 im Igel Verlag Paderborn erschienen - löste 1934 einen der größten Skandale in der Geschichte der rumänischen Literatur aus. Einerseits weil sich Sebastian in diesem Buch gleichermaßen als Jude und Rumäne beschreibt, was als Affront gegen den damaligen Zeitgeist gewertet wurde und andererseits weil sich das Vorwort des Romans - auf Wunsch Sebastians von seinem Lehrer und Förderer Nae Ionescu verfasst - als unverschleiert antisemitisches Pamphlet erwies, sich also nicht nur gegen den Inhalt des Romans, sondern auch gegen die Person des Autors stellte.Mihail Sebastian in den 1930er Jahren. Foto: Claassen VerlagEin Jahr nach der Veröffentlichung und dem Beginn starker Anfeindungen, als fast alle seine Freunde für rumänische Faschisten Partei ergriffen, setzen die Tagebuchaufzeichnungen Mihails Sebastians ein, die erst im Dezember 1944 - kurz vor seinem Tod - abreißen. In den sechziger Jahren wurden die Hefte aus dem Land geschmuggelt und landeten bei Verwandten in Paris. Publiziert als Tagebücher wurden sie zuerst in Frankreich, später in den USA und Großbritannien. In Deutschland erschien im Berliner Claassen Verlag zunächst Sebastians Liebesroman „Der Unfall”, ehe im 2005 auch die Tagebücher veröffentlicht wurden. Herausgegeben hat sie der in Rumänien geborene und in Oxford lebende Publizist Edward Kanterian, der am 20. November in München die Dankesrede halten wird.„Das Tagebuch gibt Einblick in die furchtbarste Phase der europäischen Geschichte, aber eben aus osteuropäischer Sicht, die noch viel zu wenig bekannt ist. Genauer noch: aus der Sicht eines Opfers, eines osteuropäischen Juden, der das Heraufkommen der Faschisten im In- und Ausland als Katastrophe erlebt, daran persönlich leidet, sich aufreibt, fast völlig untergeht“, erklärt Kanterian das Besondere der Publikation. Doch bei Sebastian sei nicht nur Verzweiflung, sondern auch immer wieder Hoffnung und die Besinnung auf die eigene jüdische Identität zu entdecken. „Es ist diese Verquickung von offizieller Historie und persönlicher Lebensgeschichte aus einer etwas anderen Sicht, die auch der deutsche Leser kennen sollte. Außerdem wollte ich einen wichtigen osteuropäischen Literaten vorstellen, als Illustration für eine Literatur von einem hierzulande noch wenig bekannten Reichtum.“Als er ab Ende der dreißiger Jahre nicht mehr als Journalist arbeiten durfte, schrieb Mihail Sebastian Theaterstücke, wie „Ferien spielen“ und „Stern ohne Namen“, die unter Pseudonym an Bukarester Theatern aufgeführt wurden. Er hatte viele Bekannte in der rumänischen Oberschicht, wie die Bibesco-Familie, rumänische Adlige und Literaten, die ihn mehrmals wochenlang auf ihrem Landgut beherbergten. Der Verleger Alexandru Rossetti gab ihm Übersetzungsaufträge, bei der Malerin Lena Constante hörte er regelmäßig Konzerte im Radio und sein Freund Ioan Comsa lieh ihm immer wieder Geld. All das kann man im Tagebuch nachlesen. Auch, dass Sebastian trotzdem Angst hatte um sein Leben und das seiner Familie, als er von den Massakern an Juden in Bukarest und Iasi im Januar und Juni 1941 erfuhr. Als das Tagebuch 1996 in Bukarest erschien, gerieten einige Säulenheilige der rumänischen Kultur ins Wanken, erinnert sich der Schriftsteller Iordan Chimet: „Drei Dinge haben große Aufregung in Bukarest ausgelöst: Erstens das Bild von Professor Nae Ionescu, der den Ideen des rumänischen Faschismus aufgeschlossen gegenübergestanden hat. Zweitens die Wahrheit über den opportunistischen Mircea Eliade, um den in Rumänien ein fast religiöser Kult betrieben wurde und wird. Und drittens die Wahrheit über die antisemitische Bewegung. Sehr viele Leute hier negieren immer noch, dass es damals zu Massakern gegen Juden gekommen ist. Oder sie verkleinern die Tragödie zu einem unbedeutenden Ereignis.“Iordan Chimet hatte 1997 einen Sammelband über das Tagebuch angeregt, mit einer Auswahl von Texten über das Buch. Gedacht war das als kritisches Lektüreangebot. Ausgelöst hat es längst fällige Diskussionen und mittlerweile eine Änderung des offiziellen Geschichtsbildes. Womöglich ist selbst das zukünftige Holocaust-Denkmal im Zentrum von Bukarest eine Folge der Wiederentdeckung des Autors. Zu einem einzigartigen Dokument der Erinnerungsliteratur machen Sebastians Aufzeichnungen vor allem die genaue Beschreibung des Krieges aus der Sicht eines jüdischen Intellektuellen. Frontverläufe, Truppenstärken, Zweckbündnisse, alles wird von Sebastian notiert und ausgewertet, nicht zuletzt unter dem Aspekt möglicher Errettung von den Leiden des Alltags. Gerade weil es aus Rumänien kaum Aufzeichnungen von Überlebenden gibt, und gerade, weil die Rumänen eine Verstrickung lange weit von sich wiesen, entfaltet das Tagebuch eine starke Wirkung. Die Antonescu-Regierung schickte schätzungsweise 200.000 Juden aus Ostrumänien in den sicheren Tod nach Transnistrien. Mihail Sebastian wusste von den Gräueln, er hatte viele Informationsquellen und war seit seiner Zeit als Publizist gewohnt, zu beobachten und zu reflektieren. In den Tagebüchern schrieb er „voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt”, gegen eine scheinbar ausweglose Lage an. Und er blieb nicht passiv, als das Kriegsende im Sommer 1944 in greifbare Nähe rückte, wie sein Freund der heute 93-jährige Ioan Comsa in Bukarest im Gespräch erklärt: „Mihail Sebastian war mit dem jüdischen Kommunisten Belu Zilber auch am Staatstreich vom 22. August beteiligt. Er hat an der Erklärung des Königs stilistisch mitgefeilt und er hat auch für die geheime Ausgabe der Romania Libera geschrieben.” Nach dem Einmarsch der Roten Armee, die Mihail Sebastian, wie die meisten Juden in Bukarest als Befreiung empfand, arbeitete er zuerst wieder als Journalist. Schnell wurde Sebastian, der mehrere Sprachen sprach, als Berater ins Außenministerium berufen. Doch der Mann, der die Ächtung durch Freunde wie Mircea Eliade, das Publikationsverbot und den Krieg überstanden hatte, starb wenig später im Alter von nur 37 Jahren. Im Mai 1945 auf dem Weg zu einem Vortrag über Balzac, überfahren von einem Lkw.Der Geschwister-Scholl-Preis wird vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels (Landesverband Bayern) gemeinsam mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München vergeben. Ziel des Preises ist es, jährlich ein Buch jüngeren Datums auszuzeichnen, das von geistiger Unabhängigkeit zeugt und geeignet ist, bürgerliche Freiheit, moralischen, intellektuellen und ästhetischen Mut zu fördern und dem gegenwärtigen Verantwortungsbewusstsein wichtige Impulse zu geben.*** ENDE ***
„Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt”
Interview mit dem Herausgeber der Tagebücher Edward Kanterian Bukarest (n-ost) - Mihail Sebastian war eine der interessantesten Personen des kulturell-literarischen Lebens im Rumänien zwischen den beiden Weltkriegen. Geboren als Iosif Hechter 1907 in Braila, studierte er zunächst in Bukarest Rechtswissenschaften, um später einer der wichtigsten Literaturkritiker und wichtigsten Schriftsteller des Landes zu werden. Sebastian war seit 1927 Teil einer literarischen Bewegung namens „Junge Generation“, der Autoren wie Mircea Eliade und Emil Cioran angehörten und andere wie Eugene Ionescu oder Camil Petrescu nahestanden. „Authentizität“ war das Ideal der Gruppe, mündend in einen ungekünstelten Schreibstil und schonungsloser Selbstanalyse. Ganz im Sinne dieser „Authentizität“ schrieb Sebastian 1934 seinen wichtigsten Roman.  „Seit 2000 Jahren“ (auf Deutsch erschienen 1997 im Igel-Verlag Paderborn) löste in Rumänien einen der größten literarischen Skandale aus.
Als 1996 in Bukarest aus dem Nachlass des jüdischen Schriftstellers Mihail Sebastian bis dato unbekannte Tagebücher aus den Jahren 1935-44 veröffentlicht wurden, kam dies erneut einer literarischen Sensation gleich. Mit einem Schlag erhielten die Diskussionen, die nach dem Ende des Kommunismus über die Verstrickung der grossen Geister der rumänischen Kultur in den einheimischen Faschismus in Gang gekommen waren, neuen Auftrieb. 2005 erschienen die Erinnerungen Sebastians in deutscher Sprache beim Claasen Verlag. Herausgegeben hat die Tagebücher der in Rumänien geborene und in Oxford lebende Publizist Edward Kanterian. Am 20. November erhalten die Tagebücher Mihail Sebastians den Geschwister-Scholl-Preis in München. Grit Friedrich sprach mit Edward Kanterian, der auch die Dankesrede in München halten wird.FRAGE: Die rumänischen Ausgabe von Mihail Sebastians Tagebücher kam 1996 in Bukarest heraus, warum wollten Sie ihn unbedingt ins Deutsche übersetzen?KANTERIAN: Weil das Buch eine unglaublich spannende und erschütternde Lektüre ist über Themen, die uns, die Deutschen, unbedingt angehen. Da es die Jahre 1935-1944 abdeckt, gibt das Tagebuch ja Einblick in die furchtbarste Phase der europäischen Geschichte, aber eben aus osteuropäischer Sicht, die noch viel zu wenig bekannt ist. Genauer noch: aus der Sicht eines Opfers, eines osteuropäischen Juden, der das Heraufkommen der Faschisten im In- und Ausland als Katastrophe erlebt, daran persönlich leidet, sich aufreibt, fast völlig untergeht. Auf der anderen Seite ist da aber nicht nur Verzweiflung, sondern auch immer wieder das Schöpfen von Hoffnung und die Besinnung auf seine eigene jüdische Identität, die ihn mit seinen Glaubensbrüdern solidarisch macht. Außerdem wollte ich auch einen wichtigen osteuropäischen Literaten vorstellen,  als Illustration für eine Literatur, die von einem hierzulande noch wenig gekannten Reichtum ist. Auch die Osteuropäer haben ihre Rilkes und Thomas Manns. FRAGE: Welche Reaktionen hat Mihail Sebastians „Jurnal“ Mitte der neunziger Jahre in Rumänien ausgelöst? Warum lief die Debatte so emotionalisiert ab?KANTERIAN: Rumänien war während des Zweiten Weltkriegs ein Alliierter Nazideutschlands und folgte Hitler in den Krieg gegen die Sowjetunion. Ion Antonescu teilte im Großen und Ganzen Hitlers 'Vision' der jüdisch-bolschewistischen Verschwörung und sah die Juden als Feinde Rumäniens an. Deswegen stand Antonescu der „Endlösung“ nicht negativ gegenüber, im Gegenteil. Bis 1942 hatten die Rumänen über 200.000 Juden vor allem in der Ostprovinz Bessarabien ermordet. Und es wären mehr geworden, wenn der Russlandfeldzug nicht versandet wäre. Der rumänische Beitrag zum Holocaust ist unbestreitbar. Nun ist es aber so, dass Rumänien nach dem Krieg von einer Diktatur in die andere überging, so dass sich nie ein freier Diskurs über die begangenen Verbrechen entfalten konnte, wie mit der Zeit in Westdeutschland. Nach 1989 erhielt Antonescu sogar einige Statuen und einen Boulevard in Bukarest. Das Buch Sebastians schlug ein wie ein Meteorit. Sofort gab es umfangreiche Debatten und Polemiken. Der Erfolg erklärt sich dadurch, dass es all die tabuisierten Themen aus der einzigen Perspektive beleuchtete, der man sich nicht mit fadenscheinigen Ausflüchten entziehen konnte: der des Opfers. FRAGE: Hat die folgende Debatte an einigen Säulenheiligen der rumänischen Geistesgeschichte wie Nae Ionescu, aber viel mehr an Mircea Eliade und Emil Cioran rütteln können?KANTERIAN: Nae Ionescu spielt keine wichtige Rolle mehr, er hat keine Werke hinterlassen. Eliade und Cioran werden weiterhin verehrt, denn sie haben beide bedeutende Werke hinterlassen -  doch man ist über ihre politischen Irrtümer im Bilde. Dennoch gibt es ein Problem, aber das ist schwieriger zu lösen. Man sagt: „Einerseits war Eliade ein guter Schriftsteller und ein großer Religionshistoriker. Andererseits hat er zeitweise mit den Faschisten sympathisiert.“ Man fragt nicht, wie es dazu kommen konnte, dass einer wie Eliade für die „Eiserne Garde“ votieren konnte. Man sieht keine Verbindung zu seinem restlichen Werk. Ich glaube auf keinen Fall, dass Eliades oder Ciorans Lebenswerk von faschistischen, antisemitischen Ideen durchdrungen ist. Das ist Nonsens. Aber die Sympathie mit den Faschisten kam auch nicht von ungefähr, sondern war Resultat einer ideologischen Entwicklung.
 
FRAGE: Muss man von einem Holocaust in Rumänien sprechen?KANTERIAN: Die Antonescu-Regierung hat über 200.000 Juden (wenn nicht mehr) auf dem Gewissen und zwar aus ideologischen Gründen, wie Hitler. Antonescu war vom Feindbild der Juden besessen. Er dachte, das Land sei in fester jüdischer Umklammerung. Dabei dachte er, wie Hitler, in weltgeschichtlichen, apokalyptischen, metaphysischen Maßstäben, sprach von einem „Kampf auf Leben und Tod“ mit den Juden, so dass entweder „wir gewinnen, und die Welt gereinigt wird, oder sie siegen, und wir ihre Sklaven werden. Der Krieg im Allgemeinen und der Kampf um Odessa im Speziellen haben bewiesen, dass der Jude Satan ist“ (Brief an seinen Vize, Mihai Antonescu, 6.9. 1941). Seine recht Hand, Mihai Antonescu, sagte schon im Juli 1941: „Wir haben momentan den historisch großartigsten und günstigsten Augenblick für eine ethnische Säuberung, für eine Reinigung unseres Volkes von allen Elementen, die unserem Geist fremd sind, die wuchern wie Unkraut und unsere Zukunft verdunkeln.“ Hier scheint ein Rassismus und ein Vernichtungswille durch, der sich meiner Meinung nach nur graduell von dem Hitlers unterscheidet. Und auf solche Worte folgten Befehle und Taten, nur dass die Rumänen nicht denselben Arbeitsethos hatten wie die Deutschen und somit weniger effizient waren bei der Judenvernichtung. FRAGE: Warum war das Thema Holocaust solange Tabu in Rumänien?KANTERIAN: Nicht einfach nur aufgrund des rumänischen Nationalismus, noch unter Ceausescu, sondern durchaus auch, weil man sich selbst in Rumänien der Ungeheuerlichkeit des Holocaust bewusst war und man es für unglaublich hielt, dass Rumänien damit etwas zu tun haben könnte. Allgemein muss man sagen, dass das Zustandekommen eines Prozesses der Vergangenheitsbewältigung immer schwierig und fragil ist. Hier gibt es keinen Automatismus. Welche Nation gibt schon gerne die eigenen Verbrechen zu, vor allem, wenn sie sehr furchtbar sind? Es ist menschlich viel leichter, sich als Opfer anzusehen, denn als Täter. Das ist ein universales Phänomen. Gab es vor Deutschland ein Land, das Mahnmale für die Opfer der anderen errichtet hat? Vor diesem Hintergrund muss man es ganz sicher begrüßen, dass Ion Iliescu im Oktober 2004, als eine seiner letzten Handlungen als amtierender Präsident, die Verwicklung Rumäniens in den Holocaust zugegeben hat und einen nationalen Holocaust-Tag ausgerufen hat.
 
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