Russland

„Großer Terror“ gegen kleine Leute

Russische und deutsche Historiker diskutieren in Moskau über die stalinistischen „Säuberungen“ in den Jahren 1937/38
 
Moskau (n-ost) – Wer waren die Opfer des „Großen Terrors“ in der Sowjetunion der 30er Jahre? Dass die Frage immer noch nicht vollständig beantwortet ist, zeigte eine Konferenz russischer, deutscher und ukrainischer Historiker, die am Wochenende im „Deutschen Historischen Institut“ (DHI) in Moskau stattfand. Das DHI Moskau wurde im letzten Jahr als vorläufig letzte Niederlassung der Stiftung deutscher geschichtswissenschaftlicher Institute eingeweiht. Weitere Institute gibt es in Washington, Rom und Warschau. Auf der Konferenz, die mit 90 Teilnehmern für Moskauer Verhältnisse gut besucht war, wurden neue Forschungen zur Verfolgung von Kulaken, Geistlichen und politisch Andersdenkenden vorgestellt.Im Mittelpunkt der Tagung stand der „Befehl 00447“ von Geheimdienstchef Nikolai Jeschow. Der am 30. Juli 1937 erlassene Befehl „Über die Operation zur Repression ehemaliger Kulaken, Krimineller und anderer antisowjetischer Elemente“ sollte „ein für allemal“ mit dem „niederträchtigen, zersetzenden Treiben gegen die Grundlagen des sowjetischen Staates ein Ende machen.“Vater alle Völker - Pate des Terrors. Ausstellung über den Stalin-Kult in Moskau. Foto: Ulrich HeydenBis zum Zusammenbruch der Sowjetunion hatte die Geschichtsforschung die Säuberungen und Schauprozesse in den 30er Jahren als Repressionen gegen die Partei- und Wirtschaftselite begriffen. Für den Historiker Robert Conquest („Der große Terror“, 1970) begannen die Säuberungen mit der Ermordung des Leningrader Parteisekretärs Sergej Kirow im Jahre 1934. Auch Nikíta Chrutschow hatte in seiner Geheimrede von 1956 nur über die brutalen Säuberungen in der Partei berichtet. Inzwischen hat die Forschung den Blick auf die einfache Bevölkerung gelenkt. Bei der Arbeit in den russischen Archiven stellte sich heraus, dass von dem „Großen Terror“ vor allem auch einfache Menschen betroffen waren. Neue ForschungsrichtungSechs Jahre lang hatten die Teilnehmer der Konferenz im Rahmen eines von der Thyssen-Stiftung und der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Projekts in regionalen Archiven über die Auswirkungen des Jeschow-Befehls geforscht. Der Befehl, der 1992 das erste Mal von der sowjetischen Gewerkschaftszeitung „Trud“ veröffentlicht wurde, gab den regionalen Behörden im Riesenland Sowjetunion genaue Verhaftungsquoten vor. Laut Plan sollten 268.950 Menschen verhaftet werden. Doch während der Verhaftungskampagne, die sich zwei Jahre hinzog, übertrafen die regionalen Behörden das von Moskau geforderte Soll. Die Zahl der Verhafteten wuchs auf  767.000 Menschen. Konferenz-Organisator Marc Junge von der Ruhr-Uni Bochum berichtete, dass die Hälfte der Verhafteten erschossen und die andere Hälfte in Lager deportiert wurde. „Der Große Terror wurde nur groß, weil er sich gegen die einfache Bevölkerung wendete.“Junge setzt sich mit seinem Forschungsansatz kritisch vom US-Historiker Arch Getty ab, der behauptete, die Schergen des NKWD hätten einfach in die Menge geschossen. Der Bochumer Historiker: „Wir haben nachgewiesen, dass der Terror zielgerichtet war.“ Es wurden nicht einfach alle Bauern erschossen, sondern man wählte genau aus. PlanüberfüllungVom Jeschow-Befehl, der vom Politbüro abgesegnet war, waren verschiedene Gruppen  betroffen. Zunächst Kulaken, so genannte reiche Bauern, von denen monatlich 10.000 aus den Lagern zurückkehrten, in die man sie 1931 deportiert hatte. Sie waren ohne Arbeit und Wohnung und galten nach wie vor als „Schädlinge“. Ebenfalls betroffen waren die Vertreter der Kirchen. Ein Referent berichtete, dass in Sibirien Teilnehmer privat durchgeführter kirchlicher Trauungen verhaftet wurden. 90 Prozent der Geistlichen in Sibirien wurden erschossen.Betroffen waren auch ehemalige Sozialrevolutionäre, Anarchisten, Vertreter des Zarenregimes und ehemalige Polizisten, die sich, so der Jeschow-Befehl, „den Repressionsmaßnahmen entzogen haben“ sowie schließlich Gruppen der so genannten „Nisowka“, der Unterschicht. Dazu gehörten Arbeits- und Obdachlose, Prostituierte, Bettler, Taschendiebe (die als Wiederholungstäter überführt wurden) und auch Roma und Sinti. Diese Bevölkerungsgruppen waren schon seit den Anfängen der Sowjetunion stigmatisiert. Zum Teil war ihnen das Wahlrecht entzogen. Die Verhafteten wurden von regionalen Schnellgerichten, sogenannten „Troikas“, verurteilt, pro Sitzung bis zu 1.000 Menschen. Die Schnellgerichte stützten sich auch auf die Zuträgerdienste von Denunzianten sowie auf die Mithilfe der Polizei. Über die Motive der Parteiführung beim „Großen Terror“, tappt man bis heute im Dunkeln. Das Motiv für den Terror kann man bisher nur über das Ergebnis deuten, Einschüchterung, Angst, Säuberung. Die Akten des Politbüros, welches den Säuberungsbefehl absegnete, sind bisher nicht zugänglich. In jahrelanger Vorarbeit hatten sich die deutschen Forscher um Marc Junge um ein gutes Klima in der Provinz bemüht. „Wir fuhren nach Perm, Twer, Nowosibirsk, Donezk und Kiew und haben mit diesen Leuten im Archiv gearbeitet.“ Man führte „Runde Tische“ durch und so gelang schließlich der Zugang zu den Archiven. „Oft sind die Archive nicht deshalb geschlossen, weil es von Oben einen Befehl gibt, den Ausländern die Materialien nicht zu geben.“ Es gäbe bestimmte Ängste und die könne man nur im persönlichen Kontakt abbauen. Ende-----------------------------------------------------
Wenn Sie einen Artikel übernehmen oder neu in den n-ost-Verteiler
aufgenommen werden möchten, genügt eine kurze E-Mail an n-ost@n-ost.org. Der Artikel wird sofort für Sie reserviert und für andere Medien aus Ihrem Verbreitungsgebiet gesperrt. Das marktübliche Honorar überweisen Sie bitte mit Stichwortangabe des Artikelthemas an die individuelle Kontonummer des Autors:Ulrich Heyden Zwei Belegexemplare bitte UNBEDINGT an die folgende Adresse:
n-ost
Schillerstraße 57
10627 Berlin


Weitere Artikel