Ein hundertprozent politischer Mord
Nach dem Tod an der russischen Journalistin Anna Politkowskaja kommen die Ermittlungen nur schleppend voranMoskau (n-ost) – Moskau steht wie unter einem Schock. Selbst Bürger, die nie etwas von Anna Politkowskaja gelesen haben, sind betroffen. Dass kritische Journalisten einfach abgeknallt werden, verunsichert die Menschen. Die „Nowaja Gaseta“, für die die engagierte Journalistin seit 1999 ihre aufrüttelnden Reportagen über den Tschetschenien-Krieg schrieb, war am Montag bereits in den frühen Morgenstunden ausverkauft. Vor dem Haus der Ermordeten in der Lesnaja Straße nicht weit vom Weißrussischen Bahnhof, türmen sich weiße und rote Nelken. Selbst nachts brennen auf dem Asphalt Kerzen. Eine kleine Gruppe Oppositioneller bewacht die Blumen, Plakate und Bilder an der Hauswand. Tagsüber kommen Menschen und tauschen ihre Gefühle aus. In dem Lift, in dem die Journalistin die tödlichen Kugeln trafen, sieht man noch Blutspuren. In der weißen Blechwand des Liftes klafft ein kleines, schwarzes Loch von einer Kugel. Dreimal schoss der Mörder mit einer Makarow-Pistole. Die Mordwaffe mit dem Schalldämpfer fanden die Ermittler am Tatort. Politkowskaja wurde in der Herzgegend und in der Schulter getroffen. Die vierte Kugel, der sogenannte „Kontrollschuss“, traf sie im Kopf. Die Videokamera am Eingang des Hauses fixierte einen jungen Mann in schwarzer Jacke, der zur Tatzeit das Haus verließ, sich in einen weinroten Mitsubishi setzte, und wegfuhr. Der Täter wurde auch von der Kamera des „Ramstore“-Supermarktes erfasst, in dem die Journalistin vor ihrem Tod eingekauft hatte. Die Ermittler fanden heraus, dass der Täter eine etwa 30 Jahre alte Helferin hatte. Politkowskaja wurde von den Mördern tagelang beschattet.
Wie die Zeitung Nowyje Iswestija berichtet, gehen die Ermittler davon aus, dass der Mörder von seinen Auftraggebern bereits liquidiert wurde, um Spuren zu verwischen. „Hundertprozentig politischer Mord“Nach Meinung der Staatsanwaltschaft kann der Mord mit der Tätigkeit von Politkowskaja zusammenhängen, aber auch Alltagskriminalität sei ein möglicher Hintergrund der Tat. Doch es gibt in Moskau kaum Jemanden, der meint, der Mord stehe nicht mit ihrer Arbeit als Tschetschenien-Korrespondentin in Zusammenhang. Der liberale Duma-Abgeordnete Wladimir Ryschkow meinte der Mord sei „100-prozentig politisch“. Der Ex-Präsident der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, seit einigen Monaten Miteigentümer der Zeitung, sprach von einem „wilden Verbrechen“ gegen eine „seriöse Journalistin und mutige Frau“. Die Zeitung werde selbst Ermittlungen zu dem Mord führen.Der Ex-Mann der Ermordeten, der bekannte Fernsehjournalist Aleksandr Politkowski, sagte gegenüber dem Fernsehkanal NTW, er rechne nicht mit einer schnellen Aufklärung des Mordes. „Es ist klar, dass das ein weiteres Opfer unserer beruflichen Tätigkeit ist. Ihr Leben war wie auf einem Vulkan. Sie war ein prinzipieller Mensch. Ein ehrlicher Journalist. Sie war wahrscheinlich aus einer anderen Zeit.“ Die Redaktion der „Nowaja Gaseta“ veröffentlichte eine Erklärung. Danach gibt es für den Mord zwei mögliche Gründe. Entweder es war Rache des tschetschenischen Ministerpräsidenten Ramsan Kadyrow. Politkowskaja hatte viele Berichte über die von Kadyrow geleiteten Todesschwadronen geschrieben. Kadyrow ist nach Meinung von Politkowskaja für das Verschwinden von Menschen und Folterungen verantwortlich. Die Zeitungsredaktion hält es aber auch für möglich, dass bestimmte Kreise wollen, dass „der Verdacht auf den jetzigen tschetschenischen Ministerpräsidenten fällt“. Ramsan Kadyrow hatte russische Geheimdienstleute aus Tschetschenien verdrängt. Bestimmten Kreisen wird er offenbar zu mächtig. Man rechnet damit, dass er Präsident der Kaukasusrepublik werden will.Ungewöhnliche JournalistinPolitkowskaja war eine ungewöhnliche Journalistin. Sie ließ die Opfer von Krieg und Folter selbst zu Wort zu kommen. Ihre Reportagen waren aufrüttelnd. In Moskau warf man ihr vor, sie stehe auf der Seite der tschetschenischen Separatisten, doch Fälschungen oder Übertreibungen konnte ihr Niemand nachweisen.Die Journalistin hatte den Tod immer vor Augen. Im September 2004 wäre sie beinahe umgekommen. Im Flugzeug, auf dem Weg zur Geiselnahme in Beslan – wo sie vermitteln wollte – wurde sie nach einem offenbar vergifteten Tee, der ihr im Flugzeug gereicht wurde, halbtot in ein Krankenhaus eingeliefert. Damals hatte sie einen Schutzengel. Politkowskaja überlebte wie durch ein Wunder. Am Sonnabend, in dem Lift mit den weißen Blechwänden, stand sie dem Mörder schutzlos gegenüber.Kundgebung im StadtzentrumAm Sonntag gedachten zweitausend Moskauer Bürger, Menschenrechtler, Demokraten, Liberale und Linke auf dem Puschkin-Platz im Zentrum der Stadt der Toten. Vor einem Porträt der Ermordeten wurden Blumen niedergelegt. Auf einem Transparent stand: „Das Gewissen ist tot.“Ende---------------------------------------------------
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